Ein Spiegel für Zeitungsverlage

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat vor ein paar Tagen eine ganze Seite für eine Eigenanzeige geopfert, in der sie erklärt, was das geplante Urheber-Rechts-Wissensgesellschafts-Gesetz für die Zeitungen bedeutet.

„Wer (…) künftig nur an einzelnen Texten aus der Zeitung interessiert ist (…), wird nicht mehr auf den Erwerb der Zeitung angewiesen sein. Das Geschäftsmodell der Zeitungen wird dadurch ernsthaft gefährdet.“

So steht es da. Ganz unabhängig davon, ob das nun stimmt (Der Rechtsprofessor Alexander Peukert bezweifelt das), ist so eine Anzeige eine Möglichkeit, sich auf die Zukunft einzustellen. Sich an den Rahmenbedingungen festklammern, um nicht in die blöde Situation zu geraten, den Kunden irgendwann das liefern zu müssen, was sie haben wollen.

Eine andere Möglichkeit ist, umgekehrt vorzugehen. Sich zu überlegen, was gebraucht werden könnte, zu welchem Preis man das verkaufen könnte – und das dann auszuprobieren.

Ich habe Sympathien für diese Variante und daher auch für Spiegel Daily. Den Zeitungsverlagen muss man allerdings zugutehalten, dass sie diesen Schritt eigentlich gehen müssten, um langfristig ihre Existenz zu sichern, aber nicht gehen können, weil sie dann kurzfristig ihre Existenz gefährden würden. In diesem Dilemma befindet sich der Spiegel nicht. Und wenn man sich Spiegel Daily mit diesem Gedanken im Hinterkopf ansieht, ist gar nicht so interessant, ob die Umsetzung wirklich gelungen ist, dann stellt sich eine andere Frage: Was ist von der Tageszeitung übriggeblieben?

Unsichtbare Schwelle bei zehn Euro

Der Spiegel hat die Tageszeitung aus einer Perspektive neu gedacht, die Zeitungs-Verlage sich auch deshalb nicht erlauben können, weil sie sich am Vorhandenen orientieren müssen.

Das fängt schon beim Preis an. Spiegel Daily kostet 6,99 Euro im Monat. Der Preis berücksichtigt, was Menschen im Netz bereit sind, für Inhalte auszugeben. Sogar, wenn man vier Spiegel-Daily-Wochenpässe für 2,49 Euro kauft, bleibt man unter zehn Euro, denn dort verläuft eine unsichtbare Schwelle. An der orientieren sich Spotify oder Netflix. Auch die Bild-Zeitung verkauft ihre digitale Ausgabe für 9,99 Euro im Monat. Meine Tageszeitung in Münster dagegen kostet im E-Paper-Abo 34,50 Euro.

In einem Tageszeitungsverlag fragt man sich nicht: Was wollen die Kunden? Was wären sie bereit zu zahlen? Und was können wir ihnen dafür anbieten?

Dort fragt man: Welche Kosten haben wir? Und wie können wir die auf unsere Abonnenten umlegen, ohne wesentliche Dinge am Produkt verändern zu müssen. Natürlich enthält eine regionale Tageszeitung einen Lokalteil und einen Sportteil. Den hat Spiegel Daily nicht. Aber die Frage wäre, ob irgendwem acht Lokal- und acht Sportseiten zusammen 30 Euro im Monat wert wären. Ich vermute, eher nicht.

Die an sich selbst orientierte Perspektive von Zeitungsverlagen führt zu lauter Entscheidungen zum Nachteil ihrer Kunden. Einige Lokalzeitungen (unter anderem meine in Münster) bieten keine einzelnen E-Paper-Ausgaben an, obwohl das ohne weiteres möglich wäre. Warum? Weil sich das für den Verlag nicht lohnt.

Spiegel Daily bietet ebenfalls keine einzelnen Ausgaben an. Auf 2,49 Euro für einen Wochenpass wird man sich aber unter Umständen noch einlassen. Bei 34,50 Euro wird man schon länger überlegen.

Wofür kann man Geld verlangen?

Auch das Abonnement hatte früher eine andere Berechtigung. Der Deal war: Ihr liefert mir die Zeitung morgens zu einem etwas günstigeren Preis nach Hause. Ich gebe euch Planungssicherheit. Wer ein E-Paper-Abo abschließt, weil es nicht die Möglichkeit gibt, einzelne Ausgaben zu kaufen, gibt dem Verlag Planungssicherheit und zahlt dafür womöglich noch mehr, als er müsste, wenn er nur die Ausgaben kaufen würde, die er lesen wollte.

Eine andere Frage wäre: Für welche Inhalte sind Menschen überhaupt bereit, Geld auszugeben? Für einen Mantelteil, der aus Agenturmeldungen besteht, die so auch im Netz zu finden sind? Für Polizei-Meldungen über Handtaschen-Diebstähle, Terminhinweise des Wandervereins und Fotos von Fahrradtouren des SPD-Ortsverbands?

Vielleicht liegt es nicht an der Kostenlos-Kultur, sondern auch am Produkt. Vielleicht funktioniert das Geschäftsmodell auch deshalb nicht mehr, weil die Zeitungen nicht mehr so viel Marktmacht haben, den Kunden auch Dinge verkaufen zu können, die diese gar nicht haben wollen.

Wer kauft schon einen Gemüsekorb, wenn er nur eine Zwiebel braucht? Theoretisch könnte man den Sportteil separat anbieten, auch den Lokalteil oder das Feuilleton. Technisch wäre das möglich. Warum macht man es nicht? Weil es sich für den Verlag nicht lohnt.

Spiegel Daily hat sich von den klassischen Ressorts verabschiedet. Der Zeitungsredakteur dagegen muss seine Seiten auch dann mit Inhalten füllen, wenn es nichts zu berichten gibt. Das ist für den Leser verlässlich, aber mitunter langweilig. Und es ist eine Restriktion, die nur auf einer gedruckten Seite existiert.

Einer versichert immer: Das lesen die Leute

Hinzukommt, dass viele Dinge nur deshalb in der Zeitung stehen, weil sie schon da waren, man den Lesern Inhalte schwer abgewöhnen kann und sich garantiert immer irgendein Redakteur findet, der versichern kann: Das lesen die Leute.

Warum zum Beispiel gibt es in vielen Tageszeitungen noch immer eine Seite mit von Agenturen gelieferten Service-Meldungen, die für Menschen mit einem durchschnittlichen Bildungsniveau einfach nutzlos sind.

Weil ein Produkt wie Spiegel Daily von der anderen Seite gedacht ist, ergibt sich nicht das Problem, Inhalte aussortieren zu müssen. Sie kommen erst gar nicht in die Auswahl.

Würde man die Bezahl-Angebote vor allem von Regional-Zeitungen auf diese Weise überdenken, käme man vielleicht zu dem Schluss: Einige Inhalte lassen sich nicht mehr verkaufen. Und dann müsste man vielleicht aufhören, sie zu produzieren. Aber solange Kunden sich nicht wehren können, indem sie einzelne Bestandteile nicht mehr kaufen, müssen sie eben das ganze Abo kündigen. Und das wird dann unter Umständen missverstanden.

Dabei hätten regionale Verlage den überregionalen gegenüber ja einen Vorteil. Sie haben Inhalte, die man nicht woanders kostenlos findet. Aber sie haben auch ihre Zwänge. Und möglicherweise müssten sie dann nicht nur ihr Produkt in Frage stellen, sondern die Größe ihrer gesamten Organisation.

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Texte am laufenden Band

Auf der ersten Lokalseite der Westfälischen Nachrichten steht heute ein kurzer Kommentar zur Kriminalitätsstatistik:

“Immer mehr Tatverdächtige sind Ausländer. Das festzustellen, ist nicht ausländerfeindlich – sondern schafft vielmehr die Voraussetzung, ein Problem gezielt – und präventiv – anzugehen. Nicht die Thematisierung, sondern vielmehr die Tabuisierung der Ausländerkriminalität ist falsch.”

Der Grund dafür, dass es als ausländerfeindlich gilt, von Ausländerkriminalität zu sprechen, ist aber nicht falsche politische Korrektheit, sondern einfach die Tatsache, dass das Wort die kriminelle Gruppe, um die es hier geht, nicht gut beschreibt, und somit nur ein Vorurteil bestätigt, nämlich das, dass Ausländer generell eine größere Neigung hätten, kriminell zu werden, was natürlich nicht stimmt.

Die falsche Annahme ist, irgendwer wolle aus guter Absicht unter den Teppich kehren, dass viele Straftaten in Deutschland von Menschen begangen werden, die keinen deutschen Pass haben. In Wirklichkeit geht es aber nur darum, eine Gruppe nicht anhand eines Merkmals zu beschreiben, das überhaupt keine Aussage darüber zulässt, ob jemand kriminell ist oder nicht – auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.

Wahrscheinlich hätten die Zahlen der Kriminalitätsstatistik auch die Schlagzeile hergegeben: 80 Prozent aller deutschen Tatverdächtigen im Münsterland sind katholisch. Diese Zuschreibung würde der Polizei aber keine Hinweise darauf geben, was gegen die Taten dieser Gruppe zu tun ist.

In Münster leben etwa 30.000 Ausländer. Die Stadt hat ungefähr 310.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 9700 Tatverdächtige, 3600 von ihnen hatten keinen deutschen Pass. Knapp 500 der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass stammen aus den Maghreb-Staaten, etwa 260 waren Syrer.

Das ist schon eine etwas genauere Beschreibung, denn unter die Gruppe der Ausländer fielen ja auch die über 1600 Portugiesen und mehr als 1000 Italiener in der Stadt, von denen laut Kriminalitätsstatistik keine größere Bedrohung ausgeht. Doch selbst dann bliebe die Frage: Ist die Nationalität ein aussagekräftiges Merkmal?

Versuchsweise könnte man die Tatverdächtigen aus den Maghreb-Staaten und die Syrer mal in einen Topf werfen, dann schauen, welche Religion sie haben, und am Ende ließe sich vielleicht sagen: 60 Prozent aller ausländischen Tatverdächtigen sind Moslems.

Auch das wäre dann richtig, würde der Polizei aber ebenfalls keine Anhaltspunkte liefern. Eine andere Sache vielleicht schon, denn 1170 der Tatverdächtigen waren Asylbewerber. Alles Ausländer, aber diese Menschen ließen sich auch zu einer anderen Gruppe zusammenfassen, die etwas aussagekräftiger wäre.

Man könnte zum Beispiel sagen: Mindestens ein Drittel aller Tatverdächtigen ohne deutschen Pass hat keine Arbeitserlaubnis.

Und auch das mag in vielen Fällen nicht der Grund für die Straftat gewesen sein, die Tatverdächtige begangen oder eben nicht begangen haben. Es sind ja nur Verdächtige, und zum Anteil der Täter an den Tatverdächtigen ist in der Zeitung nichts zu lesen.

Das möchte ich Martin, der den Artikel geschrieben hat und den ich sehr schätze, gar nicht zum Vorwurf machen. Es geht um etwas anderes.

Ich mag sonst sehr, was Martin so schreibt. Er ist für mich einer der Gründe, diese Zeitung zu lesen. Und wenn man ihm etwas mehr Zeit gegeben hätte, wäre er – da bin ich mir sicher – in der Lage gewesen, ein wenig mehr über Fallstricke und Hintergründe der Kriminalitätsstatistik zu sagen, wie es bei einem so wichtigen und so leicht missverständlichen Thema wie diesem nötig gewesen wäre – und wie Lokalzeitungen es versprechen, ihren Lesern zu liefern.

Aber wenn man die Zeitung vom Dienstag durchblättert, sieht man: Martin hat zu großen Teilen den Aufmacher auf der Titelseite geschrieben.

 

 

Dann noch einen weitere Text über die Kriminalitätsstatistik auf der ersten Lokalseite, dazu den Kommentar links unten.

Er war am Montagmorgen bei einer Pressekonferenz zum Drehstart des neuen Wilsberg-Krimis. Daraus ist ebenfalls ein Aufmacher auf einer anderen Seite geworden.

Und er ist der Autor eines Texts über den Gewinner der Casting-Show “The X Factor”, der in Münster auftreten wird. Auch das ein Aufmacher.

Und sogar, wenn er den letzten Text schon am Montag geschrieben haben sollte, ergibt sich ein anderes Benennungsproblem. Das, was unter diesen Bedingungen entsteht, ist mit dem Wort “Lokaljournalismus” nämlich nur sehr schlecht beschrieben. Denn Journalismus, das würde ja voraussetzen, vor der Veröffentlichung wäre noch irgendetwas überprüft worden – oder der Autor hätte sich vielleicht eine zweite Meinung eingeholt.

Aber so fährt ein Journalist zu einer Pressekonferenz nach der nächsten, und am Ende schreibt er aus Zeitknappheit einfach ungefiltert all das auf, was ihm gesagt und auf Zetteln mitgegeben worden ist. Möglichst etwas paraphrasiert, damit es nicht so aussieht, als hätte er die Pressemitteilung plagiiert. Das ist eher Alltag als Ausnahme, und das kann man natürlich auch so machen. Aber wenn die Zeitung Wert darauf legt, so offen zu sein, dass die Leser wissen, aus welcher Nation mutmaßliche Straftäter stammen, dann sollten ihre Leser vielleicht auch das erfahren.

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Eine Geschichte voller Missverständnisse

Hier ist alles BananeVor drei Wochen haben Daniel Wichmann und ich ein Buch mit dem Titel “Hier ist alles Banane – Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015” veröffentlicht, und seitdem passieren Dinge, mit denen wir so nicht gerechnet hätten. Auf der Facebook-Seite zum Buch melden sich Menschen, die glauben, erkannt zu haben, dass es sich hier nicht um die Original-Tagebücher handelt, sondern ganz eindeutig um eine Fälschung. Und das sieht dann zum Beispiel so aus:

Was für ein Fake
Anfangs haben wir uns noch gefragt, ob das vielleicht eine uns unbekannte Form von Humor sein könnte. Kommt ja im Internet schon mal vor, dass jemand auf einen Witz, den er nicht verstanden hat, mit einem anderen Witz antwortet, den der andere nicht versteht, bis irgendwann keiner mehr was versteht.

Wer hat das denn gefälschtDrogen und Schergen1912 geboren und krebskrank
Wir haben uns das Buch noch mal genau angesehen und Freunde gefragt. Auch von denen hielt es keiner für möglich, dass ein Verlag auf die Idee kommen könnte, Erich Honeckers Original-Tagebücher unter dem Titel “Hier ist alles Banane” herauszugeben. Aber es blieb bei den Hinweisen.

Kann nicht sein
Und wie das immer so ist im Internet: Früher oder später gesellen sich auch jene hinzu, die eine Stinkwut haben und das einfach gerne irgendwie mitteilen möchten.

Warum kaufen?
Aber das stimmt natürlich nicht. Wir wollen niemandem die Intendität nehmen. Wir wissen nicht mal, was das ist. Wir haben auch kein Interesse daran, dass sich unseretwegen irgendjemand Verletzungen zufügt.

Hände abhacken
Im Grunde meinen wir es ja wirklich gut mit den Leuten. Wenn es sein muss, geben wir sogar praktische Tipps.

Zwei Exemplare
Aber das änderte nichts daran: Das Misstrauen blieb.

VermutungenVerkaufen uns für dumm

Tot Spinner
Hinzu kamen Spekulationen und Vermutungen darüber, wie viel von der ganzen Geschichte überhaupt noch wahr ist, jemals wahr war – und Moment, erst die Hitler-Tagebücher, jetzt die von Honecker. Seltsam, seltsam.

VermutungenWahrheit am SchlussHitler-TagebücherHitler
Man muss sich dazu immer vorstellen: Zwischen diesen Kommentaren stehen noch die der Menschen, die sich gar nicht für das Buch oder die Meinungen der anderen interessieren, sondern nur für das freie Textfeld, in das sie ihre Wut kotzen können, was sie dann auch immer sogleich tun.

Irgendwann freut man sich fast über jede nüchterne Feststellung.

LügenpresseFälschung
Und natürlich ist auch mal ein Treffer dabei.

Goldene Nase
Das mit der goldenen Nase können wir nicht ganz abstreiten. Aber noch geht die Farbe meiner Nase eher ins Rötliche, und ich glaube, bei Daniel ist es ganz ähnlich, wenn er mir nichts verschwiegen hat. Jedenfalls sind wir insgesamt doch eher ratlos.

Ich habe das Buch dann noch ein weiteres Mal angesehen und mir vorgestellt, wie jemand bei Facebook auf dieses Bild stößt und denkt: Potzblitz! Da waren möglicherweise Betrüger am Werk.

Hier ist alles Banane
So richtig kann ich es mir nicht vorstellen, aber es scheint doch möglich zu sein. Andererseits kann ich mir auch kaum vorstellen, dass ein ganzes Fünftel der wählenden Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns auf dem Wahlzettel ein Kreuz hinter den Buchstaben AfD macht. Aber dann kamen am Sonntagabend die Hochrechnungen, und auch das scheint ja tatsächlich möglich zu sein.

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Was will Satire an der Grenze?

Immer, wenn jemand wissen möchte, was Satire darf, geht es eigentlich um eine ganz andere Frage, und die lautet: Muss das denn alles wirklich sein?

Schmutzige Witze, Zoten, unappetitliche Beleidigungen. Wer braucht so was? Wenn die Leute schon Witze machen müssen, warum dann nicht wenigstens gute, über die man auch mit der Familie beim Abendessen lachen kann?

Im Januar 2015 sah es für eine Millisekunde so aus, als könnte sich all das jetzt ändern, weil sehr schaurig eindrucksvoll vorgeführt wurde, wie man sich so einen “Angriff auf die Meinungsfreiheit” vorzustellen hat – und dass man dabei im schlechtesten Fall nicht nur von Argumenten getroffen wird.

Kurz schimmerte durch, dass Satire vielleicht zeitweise mit Comedy verwechselt worden war und die gefällige Unterhaltung gar nicht notwendigerweise dazugehört.

Etwas mehr als ein Jahr später ist immerhin hängengeblieben, dass Satire dieses Dings mit Humor ist. Und bei Facebook schreibt man unter das Video mit dem Böhmermann-Gedicht: “Ich bin ja wirklich ein Freund von Satire. Aber darüber kann ich echt nicht lachen. Das ist einfach nur geschmacklos.”

Wer eine Satire danach beurteilt, wie geschmackvoll sie ist,
achtet wahrscheinlich auch beim Kauf eines Werkzeugkastens in erster Linie auf die Farbe. Satire soll vor allem eins: treffen. Und dass Böhmermann das nicht gelungen wäre, hat in den letzten Tagen ja eigentlich niemand behauptet.

Erst hieß es, er habe nur einen draufsetzen wollen, weil es ihm gegen den Strich gegangen sei, dass jetzt alle nur über dieses Extra3-Video sprachen. Dann löschte das ZDF sein Gedicht, und man ahnte warum, wenn man es sich ansah. Die meisten waren sich einig: Das geht wirklich überhaupt nicht. Schließlich sickerte durch: Er hatte das Gedicht in der Sendung in Anführungsstriche gesetzt und sich davon distanziert. Aber das verhallte schnell. Und Erdogan muss man natürlich nichts über Anführungsstriche erzählen.

Ich selbst habe in meinem Leben einige Stunden damit verbracht, Zeitungslesern die Funktion von Anführungszeichen zu erklären und dabei festgestellt: Im Prinzip könnte man sie sich sparen. Tolles Konzept, aber sehr schwer zu vermitteln.

Wer die Wirkung ausprobieren möchte, kann seinem Chef mal bei Gelegenheit sagen: „Ich fühle mich bei Ihnen so wohl, dass ich noch nie gedacht habe: ‚Ich kündige‘“ – und dann bei anderer Gelegenheit den zweiten Teil noch mal isoliert aussprechen. Man wird gleich sehen: Die Reaktionen unterscheiden sich fundamental.

Natürlich ist mal wieder alles viel komplizierter, als man es sich wünschen würde. Auch eine in Gänsefüßchen eingezäunte Bemerkung kann eine Beleidigung sein. Es ist nicht ganz unwichtig, wer etwas sagt und bei welcher Gelegenheit etwas gesagt wird.

Sogar die freundliche Frage „Wie geht’s eigentlich Ihrer Familie?“ kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, ob der Chef sie stellt – oder der Schutzgelderpresser.

Auch in der Sache Böhmermann geht es nun um die Frage, wie das Gedicht zu verstehen ist und ob Böhmermann etwas zu weit gegangen ist. Damit wären wir wieder am Anfang. Muss das alles wirklich sein? Hätte er auf die ganzen Geschmacklosigkeiten nicht einfach verzichten können.

Ja, hätte er machen können. Dieter Hallervordens Lied wäre uns dann wahrscheinlich erspart geblieben, und vielleicht hätte auch Erdogan sich gar nicht mehr gemeldet. Konnte man vorher alles nicht wissen. Aber so hat Böhmermann nun absichtlich oder unabsichtlich – so genau weiß man das ja nicht – eine Grenze aufgespürt, von der man nicht wusste, dass sie so eng gezogen ist.

Den Hinweis auf den Verlauf hatte Erdogan selbst gegeben, als er wegen des harmlosen Extra3-Spaßliedes den deutschen Botschafter einbestellen ließ. Man konnte die Sache irgendwie regeln. Es bestand nie ein Zweifel daran, dass dieses Video vollkommen in den Schutzbereich der Satirefreiheit fällt. Was aber seltsamerweise fehlte, war ein deutliches Wort der Bundeskanzlerin.

Die Extra3-Redaktion war auf irgendwas gestoßen, Böhmermann spachtelte genau dort weiter. Er bearbeitete die empfindliche Stelle, nicht als Privatmann, der großen Spaß daran findet, Menschen Beleidigungen hinterherzuwerfen, sondern als Satiriker, der die Grenzen des Möglichen auskundschaftet, und das nicht nur zu seinem Selbstzweck. Das Gebiet, das er erschlossen hat, steht danach ja auch allen anderen zur Verfügung.

Dass Böhmermann Erdogan nicht ernsthaft beleidigen will, erkennt man mit ein bisschen gutem Willen schon an den Anschuldigungen, die so absurd sind, dass man ihm kaum unterstellen würde, er meine das alles ernst.

Das Gedicht ist einfach, aber die Vorführung sehr ausgeklügelt. Böhmermann konstruiert die größtmögliche Schmähkritik, setzt sie in Anführungsstriche und bringt sich selbst in Sicherheit, indem er sich gleich mehrfach vom Inhalt distanziert. Der türkische Zuschauer kann die Anführungsstriche nicht sehen, auch nicht die Distanzierung, denn mit Untertiteln versehen ist nur das Gedicht selbst.

Paradoxerweise hat das ZDF alles noch viel schlimmer gemacht, indem es das Gedicht aus der Sendung gelöscht hat. Wer sich den Ausschnitt ansehen möchte, findet ihn nicht mehr im Original, aber dafür überall im Internet, herausgelöst aus dem Zusammenhang. Vielleicht wäre es geschickter gewesen, den Rest einfach auch mit Untertiteln zu versehen.

Teil der Vorführung ist, dass der Zuschauer rätselt, was kalkuliert ist und was ungewollte oder unverhoffte Nebenwirkung.

Die Finte mit den Untertiteln spricht dafür, dass Böhmermann auf eine heftige Rückkopplung gehofft hat, die, damit hätte man gerechnet, in der Weite unserer Meinungsfreiheit verklingen würde. Erdogan hätte gleich gesehen, wo seine Grenzen verlaufen, natürlich irgendwo jenseits von Deutschland.

Inzwischen sind die Grenzen in Umrissen zu erkennen, aber es sieht doch etwas anders aus, als viele erwartet hatten, und es könnte sein, dass Böhmermann es geschafft hat, mithilfe eines schmutzigen Gedichts und ein paar glücklichen Zufällen zu zeigen, dass die Grenzen sich leicht verschoben haben.

Es ist der Verdacht entstanden, dass Angela Merkel das ganze Gebiet nicht mehr beanspruchen kann, weil sie sich in eine zweifelhafte Abhängigkeit begeben hat. Hätte Böhmermann sich für ein geschmackvolleres Gedicht entschieden, wäre das wahrscheinlich nie aufgefallen.

Aber es hätte schnell zum Problem werden können. Erdogan ist ja sogar hinter Schülern und Studenten hier, deren Kommentare im Netz er für beleidigend hält. Es hätte auch jemanden aus Deutschland treffen können. Jemanden, den keiner kennt.

Die Frage ist, wie Angela Merkel reagiert hätte, wenn Erdogan sich dann gemeldet hätte. Sie hätte abwägen müssen. Auf der einen Seite die komplizierte Flüchtlingsfrage mit all ihren Unwägbarkeiten, auf der anderen der namenlose Schmierfink aus dem Internet. Das Ungleichgewicht wäre noch etwas größer gewesen.

Wäre die Meinungsfreiheit dieses Mannes genauso viel wert gewesen wie die von Jan Böhmermann? Man würde es hoffen. Aber ist man sich sicher?

Satiriker reizen die Grenzen unter den Augen aller aus. Sie sind ein Maßstab dessen, was man sich erlauben darf. Die Satire ist eine Kunstform, die viel Sinnloses darf, aber damit zwischendurch als Korrektiv sehr nützlich ist. Gelegentlich landen Satiriker mit ihren Späßen vor Gericht, und manchmal erfahren sie da, was sie nicht durften. Aber auch da spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Satire den Richtern gefällt.

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“Die Provinz ist was für zähe Hunde”

Jessica Schober war noch nicht einmal losgelaufen, da meldeten sich schon die ersten Kritiker, um ihren Plan zu verhindern. Sie wollte einen Fußmarsch durch Deutschland machen, eine Reise mit Zwischenstopps in Lokalredaktionen. Ein bisschen so wie die Handwerker-Gesellen, deswegen hatte sie sich den Namen Wortwalz ausgedacht, aber schon das war zu viel.

Es kamen Mails, in denen Jessica Schober davor gewarnt wurde, die traditionelle Kluft anzuziehen. Einige störten sich am Wort “Gesellenwanderung” oder an einem Schlips auf einer Zeichnung. Auf Facebook schrieb einer: “Wir hassen Trittbrettfahrer. Denkt euch doch euer eigenes Ding aus, du kannst doch Praktika machen, wie es sich für Bürogummis gehört.”

Man hätte es gut verstehen können, wenn Jessica Schober ihr Vorhaben hier abgebrochen hätte. Es wäre ein kurzes Buch geworden, aber man hätte ein bisschen gelernt über das Immunsystem von Traditionsorganismen.

WorwalzNun aber steht dieser Teil an Anfang ihrer Deutschlandreise, und auf den folgenden Seiten lernt man noch etwas mehr darüber.  In Lokalredaktionen dreht sich ebenfalls ja vieles um die Frage, wie man am besten damit umgeht, wenn sich nun vieles verändert. Und dann besitzt auch der Mensch selbst so ein Abwehrsystem, dem es am liebsten ist, wenn alles so bleibt, wie es ist und das ihn von Abenteuern abhalten möchte.

Die Walz ist der Versuch, das zu überwinden, sich gegen den Willen der eigenen Faulheit ein paar Ziele zu suchen und sich in der Unbequemlichkeit zurechtzufinden. Da muss eine ersten Stationen natürlich ein Treffen mit den Handwerkern sein, die von der Idee nicht so begeistert waren.

Ihnen begegnet Jessica Schober auf der Sommerbaustelle,  einem jährlichen Treffen von Wandergesellen in der Nähe von Lübeck. Man hatte sie eingeladen und ihr gesagt: “Blogge nicht, und nenne das Ganze nichts Wortwalz.” Sie hatte sich nicht daran gehalten, war aber trotzdem hingefahren, und es ist dann tatsächlich alles nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Die Gesellen sind skeptisch, aber vieles lässt sich schon dadurch lösen, dass man sich gegenübersitzt und mal miteinander redet. Vielleicht ist das schon mal eine Sache, die man sich merken kann.

Sehr schön auch die Episode, wo die Presse ins Sommercamp einfällt und noch mal sehr deutlich wird, warum die Handwerker so kritisch waren.

„Auf einmal schäme ich mich ein bisschen für meine eigene Zunft, die schreibend und knipsend über fremde Welten herfällt. Immer auf der Jagd nach der nächsten Story, dem nächsten Foto. Ich bin genauso, wenn ich auf Terminen bin. (…) Kein Wunder, dass sie nach einer halben Stunde einen Text über die Wandergesellen in den Computer kloppen, an dem manches schief und einiges falsch ist. Zum Verstehen ist die Zeit zu knapp.“

Im Journalistenalltag fehlt diese Perspektive, und das führt manchmal zu paradoxen Situationen. In der Ausbildung lernen Volontäre, dass zum Beruf gehört, sich auch mal unbeliebt zu machen. Wenn die Menschen, über die sie geschrieben haben, dann wütend in der Redaktion anrufen, weil irgendetwas falsch dargestellt ist, fühlen die Journalisten sich trotzdem im Recht – weil etwas schreiben, was andere nicht wollen, das ist ja Pressefreiheit.

Und dann kommt irgendwann wieder die Frage: „Wo werde ich schlafen? Wo geht es als Nächstes hin?“

In Hamburg zur Straßenzeitung Hinz und Kunzt. Zusammen mit zwei Obdachlosen übernachtet sie unter einer Brücke in der Nähe des Spiegel-Hochhauses.

„Die Nacht bricht mit meinen Vorurteilen. Wir bestellen Pizza. Online, übers Handy.“

In Harburg trifft sie auf der Straße eine Frau, die sie zu Peter schickt. Peter ist, so stellt sich heraus, auch Lokaljournalist. Nachdem die Zeitung, bei der er 20 Jahre lang gearbeitet hatte, eingestellt wurde, gründete er vor drei Jahren seine eigene, das Harburger Blatt. 2000er Auflage. Die Zeitungen bringt er selbst zu den 60 Verkaufsstellen. Beim ihm schläft Jessica Schober in einem grünen Holzhaus.

„Peter ist bereit, für sein Blatt alles zu geben. Inzwischen wurde ihm das Wasser abgedreht und das Internet abgeschaltet. Er kann die Rechnungen nicht mehr bezahlen. Deshalb aufgeben? Niemals? Eine Woche lang frage ich mich bei den Nachbarn durch, wo ich duschen darf. (…) Peter jucken die Zustände am finanziellen Abgrund kaum. Die Toilette spült er mit der Gießkanne.“

Als sie eines Nachmittags von einem Ausflug an die Elbe zurückkehren, parkt Peter den Wagen ein paar Meter von Haus entfernt, wo das Finanzamt es garantiert nicht findet.

Wortwalz-Landkarte

Das sind wohl die Geschichten, von denen man sagt, dass sie auf der Straße liegen. Aber sie könnten auch vor der Redaktion auf der Straße liegen, finden würden Lokalredakteure sie da trotzdem nicht, denn dort mach sich kaum jemand die Mühe, mit Menschen, die man porträtieren möchte, etwas Zeit zu verbringen. In der einen Stunden, die der Lokalredakteur am Wohnzimmertisch sitzt und sich alles erklären lässt, erlebt er nichts, was er nachher erzählen könnte – außer, dass sein Gesprächspartner an seinem Kaffee genippt hat.

So zeigt Jessica Schober mit ihrer Hommage ganz nebenbei auch, was der Lokaljournalismus sich entgehen lässt, wenn er auf seine Superlative, E-Mails und Pressegespräche fixiert ist.

Andererseits sieht man, dass es nicht überall im Lokaljournalismus so düster aussieht, wie man vermuten würde, wenn man in den Nachrichten verfolgt, wie die Redaktionen immer kleiner und kleiner werden.

Es gibt guten Lokaljournalismus, und um den zu erkennen, muss man oft nicht mal in die Zeitung schauen, da reicht schon ein Nachmittag mit den Journalisten, die dort arbeiten. Es gibt vitale Redaktionen wie die der Rhein-Zeitung, wo man noch gut erkennen kann, dass die Menschen sich diesen Beruf irgendwann freiwillig ausgesucht haben.

Beim Nordbayerischen Kurier in Bayreuth übernachtet Jessica Schober in der Dunkelkammer des Gerichtsreporters, der die jungen Redakteure freitagsabends mit auf eine Kneipentour mitnimmt. Und dann gibt es noch die anderen Redaktionen wie die der Thüringischen Landeszeitung in Weimar.

„Hier gibt es Pflichtprogramm, kurz vorm Ermüdungsbruch. Einen Platz zum Mitarbeiten bekomme ich dennoch. In den nächsten Tagen soll ich die Sekretärin vertreten und Telefondienst machen. Ich werde in dieser Woche zwei Mal die Titelgeschichte des Lokalteils schreiben, viel vergebens recherchieren und dabei insgesamt 83 Euro verdienen.“

Im Blog erfährt man noch etwas mehr über das Elend dort. Mit den Telefonen kann man nur innerhalb von Thüringen telefonieren. Der Lokalchef weigert sich, mit einem Anrufer zu sprechen, der kein Leser seiner Zeitung ist. Und die Auflage soll hier geheim bleiben.

Bei der Thüringischen Allgemeinen, dem ehemaligen Konkurrenten, der heute zur gleichen Gruppe gehört, sagt der Lokalchef: „Der Tag diktiert so viel auf, das blockiert dich.“ Auf das Interview mit ihm, das sie an sieben Stationen geführt hat, verzichtet Jessica Schober hier.

“Meisterschnack” nennt sie diese Gespräche. Die Texte stehen zwar nicht im Buch, aber man findet sie im Blog, und es lohnt, da mal reinzuschauen. Die erste Frage ist immer: Warum sind Sie Lokaljournalist geworden?

Da könnte man sich natürlich einiges ausdenken, was nach Berufung und Zielstrebigkeit aussieht, aber interessanter sind doch die ehrlichen Antworten. Lars Reckermann, damals noch bei der Schwäbischen Post, heute Chefredakteur der Nordwest-Zeitung in Oldenburg, sagt auf die Frage: „Ich wollte mal Rechtsanwalt werden. Ich war aber total schlecht in der Schule, habe das zweitschlechteste Abitur gebaut.“

Lars Reckermann sagt auch den Satz „Journalismus ist ein Handwerk”, der dem Verdacht entgegenwirken soll, Journalisten könnten sich für Künstler halten. Die Künstlersozialkasse vertritt ja auch diese Meinung und auf den ersten Blick machen sie ja fast das Gleiche wie Schriftsteller.

Aber Journalisten sind keine Handwerker. Viele können nicht mal mit zehn Fingern schreiben, und wenn sie für ihre Arbeit einen Blumenstrauß bekommen, haben sie oft etwas falsch gemacht.

Kein Geselle würde einen Journalisten je als Handwerker bezeichnen. Das machen Journalisten nur selbst. Sie gehören nicht dazu, und sobald sie dazugehören, sind sie keine Journalisten mehr. Das ist ihr Dilemma.

Auf der Wortwalz wäre das die Gefahr gewesen. Nicht mehr zu sehen, dass man längst einer von denen ist. Mit Blumensträußen nach Hause zu gehen, wie es auch im Lokaljournalismus so schnell passieren kann. Aber es kann natürlich jedem passieren. Dann ist es wichtig das zu erkennen.

„Es ist die Journalistin, die mir entgleitet. Mir ist klar, wenn ich jetzt mit Heike (Anm.: eine Schreinerin, die sie getroffen hat) umherziehe, dann werde ich keine Reporterin sein. Ich werde nicht mehr in Lokalredaktionen anheuern, dieser Teil der Reise ist vorerst vorbei.“

Die Reise geht dann trotzdem noch weiter, nur eben nicht als Journalistin. Und das kann man sich vielleicht auch noch merken.

Jessica Schobers Buch über die Wortwalz kann man hier oder hier oder hier kaufen. Ich würde sehr dazu raten.

Jetzt hätte ich aber noch ein kleines Problem. Wie sag ich es. Ich war beim Lesen auf diesen Satz gestoßen, “Die Provinz ist was für zähe Hunde”, Seite 230. Ich dachte, das wäre doch ‘ne gute Überschrift, aber dann konnte ich ihn nirgendwo im Text unterbringen. Bis jetzt gerade.

Offenlegung:
Ich kenne Jessica, aber nur flüchtig. Wir haben uns im vergangenen Jahr einmal kurz beim Reporter-Forum getroffen. Ihre Idee, als Reporterin von Lokalredaktion zu Lokalredaktion fand ich schon vorher gut. Deswegen hab ich das Projekt mit einem nicht nennenswerten Kleinbetrag unterstützt – falls sich irgendjemand über meinen Namen hinten im Buch wundern sollte. 

 

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Diskriminierung für Dummys

Die Illustrierte Focus hat sich nun anscheinend bereiterklärt, all das, was die übrigen Medien an Ausländerhetze verweigern, mitzuübernehmen. Das ist sehr löblich, wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn den gleichen Plan hat die Junge Freiheit ja offenbar auch schon. Hier nur ein paar Sätze und Bilder aus der flüchtigen Durchsicht der Focus-Seite, um mal einen Eindruck zu vermitteln.

„Tappten die nordafrikanischen Banden in die Fußball-Falle?“

„Wie Köln hat auch Düsseldorf seit längerem ein Problem mit Straftätern aus dem nordafrikanischen Raum.“

Dings2

„Mit Unterstützung städtischer Ämter und der Bundespolizei wurden insgesamt 294 Personen überprüft – darunter eben auch viele Algerier.“

„Insbesondere Nordafrikaner werden auch für die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen und Diebstähle in der Kölner Silvesternacht verantwortlich gemacht.“

Ausländer1

„Die Ermittler gehen davon aus, dass die meisten Täter nordafrikanischer Herkunft sind.“

Das alles geschieht natürlich unter dem Deckmantel des Idioten-Credos „Es muss doch mal einer aussprechen“ und der Überzeugung, dass hier nur aus falsch verstandener Gastfreundschaft darauf verzichtet wird, die Nationalität von Straftätern zu benennen. Allerdings wird man den Eindruck nicht los, dass sie für ihre Schwarz-Weiß-Bilder beim Focus nur noch die Farbe Schwarz verwenden, weil sie finden, dass Weiß auch woanders schon im Überfluss vorhanden ist.

Mit dem Pressekodex muss man den Focus-Leuten natürlich nicht kommen. Auf den berufen sie sich ja selbst, denn der erlaubt es sogar (Richtlinie 12.1) bei Straftaten die Nationalität zu nennen, „wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“.

Sachlich mögen die einzelnen Sätze oben sogar stimmen, aber selbst wenn man der Überzeugung ist, dass man die Herkunft von Tätern auf keinen Fall verschweigen sollte, muss man einräumen, dass auch das Gesamtbild einen Eindruck verfestigt. Eine ganz interessante Leseerfahrung ist, auf der Focus-Seite die Adjektive „nordafrikanisch“ oder “ausländisch” im Kopf mal durch das Wort „jüdisch“ zu ersetzen.

Es macht einen Unterschied, ob man eine Information erwähnt, um dem Leser das Verständnis zu erleichtern, oder ob man sie so penetrant an jeder sich bietenden Stelle wiederholt, dass der differenzierungfaule Leser unweigerlich den Eindruck bekommen muss, dass es neben Krebs, AIDS und Naturkatastrophen eigentlich kaum eine größere Bedrohung  für unsere Gesellschaft gibt als den Nordafrikaner.

In der Richtline 12.1 steht eben auch noch der Satz: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Und das halten sie beim Focus offenbar für Gedöns, oder sie können sich unter “Vorurteilen gegen Minderheiten” nicht viel vorstellen. Dabei ist es doch gar nicht so schwer.

Hier vielleicht noch mal der Versuch einer Erklärung: Der Focus beschäftigt einen ganzen Haufen Journalisten, die sicherlich hier und da mit ihren Recherchen auch mal richtig liegen. Mal angenommen, man ist nun einer von diesen Focus-Journalisten, die sich redlich um gut recherchierte Fakten bemühen, aber dann ruft man irgendwo an, meldet sich mit seinem Namen, hängt noch die Ergänzung „Redaktion Focus“ dran, und man merkt sofort: Die Leute halten einen für einen gewaltigen Trottel. Das ist natürlich eine schreiende Ungerechtigkeit. Aber ungefähr so funktioniert der Mechanismus.

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