Eine Geschichte voller Missverständnisse

Hier ist alles BananeVor drei Wochen haben Daniel Wichmann und ich ein Buch mit dem Titel “Hier ist alles Banane – Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015” veröffentlicht, und seitdem passieren Dinge, mit denen wir so nicht gerechnet hätten. Auf der Facebook-Seite zum Buch melden sich Menschen, die glauben, erkannt zu haben, dass es sich hier nicht um die Original-Tagebücher handelt, sondern ganz eindeutig um eine Fälschung. Und das sieht dann zum Beispiel so aus:

Was für ein Fake
Anfangs haben wir uns noch gefragt, ob das vielleicht eine uns unbekannte Form von Humor sein könnte. Kommt ja im Internet schon mal vor, dass jemand auf einen Witz, den er nicht verstanden hat, mit einem anderen Witz antwortet, den der andere nicht versteht, bis irgendwann keiner mehr was versteht.

Wer hat das denn gefälschtDrogen und Schergen1912 geboren und krebskrank
Wir haben uns das Buch noch mal genau angesehen und Freunde gefragt. Auch von denen hielt es keiner für möglich, dass ein Verlag auf die Idee kommen könnte, Erich Honeckers Original-Tagebücher unter dem Titel “Hier ist alles Banane” herauszugeben. Aber es blieb bei den Hinweisen.

Kann nicht sein
Und wie das immer so ist im Internet: Früher oder später gesellen sich auch jene hinzu, die eine Stinkwut haben und das einfach gerne irgendwie mitteilen möchten.

Warum kaufen?
Aber das stimmt natürlich nicht. Wir wollen niemandem die Intendität nehmen. Wir wissen nicht mal, was das ist. Wir haben auch kein Interesse daran, dass sich unseretwegen irgendjemand Verletzungen zufügt.

Hände abhacken
Im Grunde meinen wir es ja wirklich gut mit den Leuten. Wenn es sein muss, geben wir sogar praktische Tipps.

Zwei Exemplare
Aber das änderte nichts daran: Das Misstrauen blieb.

VermutungenVerkaufen uns für dumm

Tot Spinner
Hinzu kamen Spekulationen und Vermutungen darüber, wie viel von der ganzen Geschichte überhaupt noch wahr ist, jemals wahr war – und Moment, erst die Hitler-Tagebücher, jetzt die von Honecker. Seltsam, seltsam.

VermutungenWahrheit am SchlussHitler-TagebücherHitler
Man muss sich dazu immer vorstellen: Zwischen diesen Kommentaren stehen noch die der Menschen, die sich gar nicht für das Buch oder die Meinungen der anderen interessieren, sondern nur für das freie Textfeld, in das sie ihre Wut kotzen können, was sie dann auch immer sogleich tun.

Irgendwann freut man sich fast über jede nüchterne Feststellung.

LügenpresseFälschung
Und natürlich ist auch mal ein Treffer dabei.

Goldene Nase
Das mit der goldenen Nase können wir nicht ganz abstreiten. Aber noch geht die Farbe meiner Nase eher ins Rötliche, und ich glaube, bei Daniel ist es ganz ähnlich, wenn er mir nichts verschwiegen hat. Jedenfalls sind wir insgesamt doch eher ratlos.

Ich habe das Buch dann noch ein weiteres Mal angesehen und mir vorgestellt, wie jemand bei Facebook auf dieses Bild stößt und denkt: Potzblitz! Da waren möglicherweise Betrüger am Werk.

Hier ist alles Banane
So richtig kann ich es mir nicht vorstellen, aber es scheint doch möglich zu sein. Andererseits kann ich mir auch kaum vorstellen, dass ein ganzes Fünftel der wählenden Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns auf dem Wahlzettel ein Kreuz hinter den Buchstaben AfD macht. Aber dann kamen am Sonntagabend die Hochrechnungen, und auch das scheint ja tatsächlich möglich zu sein.

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Was will Satire an der Grenze?

Immer, wenn jemand wissen möchte, was Satire darf, geht es eigentlich um eine ganz andere Frage, und die lautet: Muss das denn alles wirklich sein?

Schmutzige Witze, Zoten, unappetitliche Beleidigungen. Wer braucht so was? Wenn die Leute schon Witze machen müssen, warum dann nicht wenigstens gute, über die man auch mit der Familie beim Abendessen lachen kann?

Im Januar 2015 sah es für eine Millisekunde so aus, als könnte sich all das jetzt ändern, weil sehr schaurig eindrucksvoll vorgeführt wurde, wie man sich so einen “Angriff auf die Meinungsfreiheit” vorzustellen hat – und dass man dabei im schlechtesten Fall nicht nur von Argumenten getroffen wird.

Kurz schimmerte durch, dass Satire vielleicht zeitweise mit Comedy verwechselt worden war und die gefällige Unterhaltung gar nicht notwendigerweise dazugehört.

Etwas mehr als ein Jahr später ist immerhin hängengeblieben, dass Satire dieses Dings mit Humor ist. Und bei Facebook schreibt man unter das Video mit dem Böhmermann-Gedicht: “Ich bin ja wirklich ein Freund von Satire. Aber darüber kann ich echt nicht lachen. Das ist einfach nur geschmacklos.”

Wer eine Satire danach beurteilt, wie geschmackvoll sie ist,
achtet wahrscheinlich auch beim Kauf eines Werkzeugkastens in erster Linie auf die Farbe. Satire soll vor allem eins: treffen. Und dass Böhmermann das nicht gelungen wäre, hat in den letzten Tagen ja eigentlich niemand behauptet.

Erst hieß es, er habe nur einen draufsetzen wollen, weil es ihm gegen den Strich gegangen sei, dass jetzt alle nur über dieses Extra3-Video sprachen. Dann löschte das ZDF sein Gedicht, und man ahnte warum, wenn man es sich ansah. Die meisten waren sich einig: Das geht wirklich überhaupt nicht. Schließlich sickerte durch: Er hatte das Gedicht in der Sendung in Anführungsstriche gesetzt und sich davon distanziert. Aber das verhallte schnell. Und Erdogan muss man natürlich nichts über Anführungsstriche erzählen.

Ich selbst habe in meinem Leben einige Stunden damit verbracht, Zeitungslesern die Funktion von Anführungszeichen zu erklären und dabei festgestellt: Im Prinzip könnte man sie sich sparen. Tolles Konzept, aber sehr schwer zu vermitteln.

Wer die Wirkung ausprobieren möchte, kann seinem Chef mal bei Gelegenheit sagen: „Ich fühle mich bei Ihnen so wohl, dass ich noch nie gedacht habe: ‚Ich kündige‘“ – und dann bei anderer Gelegenheit den zweiten Teil noch mal isoliert aussprechen. Man wird gleich sehen: Die Reaktionen unterscheiden sich fundamental.

Natürlich ist mal wieder alles viel komplizierter, als man es sich wünschen würde. Auch eine in Gänsefüßchen eingezäunte Bemerkung kann eine Beleidigung sein. Es ist nicht ganz unwichtig, wer etwas sagt und bei welcher Gelegenheit etwas gesagt wird.

Sogar die freundliche Frage „Wie geht’s eigentlich Ihrer Familie?“ kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, ob der Chef sie stellt – oder der Schutzgelderpresser.

Auch in der Sache Böhmermann geht es nun um die Frage, wie das Gedicht zu verstehen ist und ob Böhmermann etwas zu weit gegangen ist. Damit wären wir wieder am Anfang. Muss das alles wirklich sein? Hätte er auf die ganzen Geschmacklosigkeiten nicht einfach verzichten können.

Ja, hätte er machen können. Dieter Hallervordens Lied wäre uns dann wahrscheinlich erspart geblieben, und vielleicht hätte auch Erdogan sich gar nicht mehr gemeldet. Konnte man vorher alles nicht wissen. Aber so hat Böhmermann nun absichtlich oder unabsichtlich – so genau weiß man das ja nicht – eine Grenze aufgespürt, von der man nicht wusste, dass sie so eng gezogen ist.

Den Hinweis auf den Verlauf hatte Erdogan selbst gegeben, als er wegen des harmlosen Extra3-Spaßliedes den deutschen Botschafter einbestellen ließ. Man konnte die Sache irgendwie regeln. Es bestand nie ein Zweifel daran, dass dieses Video vollkommen in den Schutzbereich der Satirefreiheit fällt. Was aber seltsamerweise fehlte, war ein deutliches Wort der Bundeskanzlerin.

Die Extra3-Redaktion war auf irgendwas gestoßen, Böhmermann spachtelte genau dort weiter. Er bearbeitete die empfindliche Stelle, nicht als Privatmann, der großen Spaß daran findet, Menschen Beleidigungen hinterherzuwerfen, sondern als Satiriker, der die Grenzen des Möglichen auskundschaftet, und das nicht nur zu seinem Selbstzweck. Das Gebiet, das er erschlossen hat, steht danach ja auch allen anderen zur Verfügung.

Dass Böhmermann Erdogan nicht ernsthaft beleidigen will, erkennt man mit ein bisschen gutem Willen schon an den Anschuldigungen, die so absurd sind, dass man ihm kaum unterstellen würde, er meine das alles ernst.

Das Gedicht ist einfach, aber die Vorführung sehr ausgeklügelt. Böhmermann konstruiert die größtmögliche Schmähkritik, setzt sie in Anführungsstriche und bringt sich selbst in Sicherheit, indem er sich gleich mehrfach vom Inhalt distanziert. Der türkische Zuschauer kann die Anführungsstriche nicht sehen, auch nicht die Distanzierung, denn mit Untertiteln versehen ist nur das Gedicht selbst.

Paradoxerweise hat das ZDF alles noch viel schlimmer gemacht, indem es das Gedicht aus der Sendung gelöscht hat. Wer sich den Ausschnitt ansehen möchte, findet ihn nicht mehr im Original, aber dafür überall im Internet, herausgelöst aus dem Zusammenhang. Vielleicht wäre es geschickter gewesen, den Rest einfach auch mit Untertiteln zu versehen.

Teil der Vorführung ist, dass der Zuschauer rätselt, was kalkuliert ist und was ungewollte oder unverhoffte Nebenwirkung.

Die Finte mit den Untertiteln spricht dafür, dass Böhmermann auf eine heftige Rückkopplung gehofft hat, die, damit hätte man gerechnet, in der Weite unserer Meinungsfreiheit verklingen würde. Erdogan hätte gleich gesehen, wo seine Grenzen verlaufen, natürlich irgendwo jenseits von Deutschland.

Inzwischen sind die Grenzen in Umrissen zu erkennen, aber es sieht doch etwas anders aus, als viele erwartet hatten, und es könnte sein, dass Böhmermann es geschafft hat, mithilfe eines schmutzigen Gedichts und ein paar glücklichen Zufällen zu zeigen, dass die Grenzen sich leicht verschoben haben.

Es ist der Verdacht entstanden, dass Angela Merkel das ganze Gebiet nicht mehr beanspruchen kann, weil sie sich in eine zweifelhafte Abhängigkeit begeben hat. Hätte Böhmermann sich für ein geschmackvolleres Gedicht entschieden, wäre das wahrscheinlich nie aufgefallen.

Aber es hätte schnell zum Problem werden können. Erdogan ist ja sogar hinter Schülern und Studenten hier, deren Kommentare im Netz er für beleidigend hält. Es hätte auch jemanden aus Deutschland treffen können. Jemanden, den keiner kennt.

Die Frage ist, wie Angela Merkel reagiert hätte, wenn Erdogan sich dann gemeldet hätte. Sie hätte abwägen müssen. Auf der einen Seite die komplizierte Flüchtlingsfrage mit all ihren Unwägbarkeiten, auf der anderen der namenlose Schmierfink aus dem Internet. Das Ungleichgewicht wäre noch etwas größer gewesen.

Wäre die Meinungsfreiheit dieses Mannes genauso viel wert gewesen wie die von Jan Böhmermann? Man würde es hoffen. Aber ist man sich sicher?

Satiriker reizen die Grenzen unter den Augen aller aus. Sie sind ein Maßstab dessen, was man sich erlauben darf. Die Satire ist eine Kunstform, die viel Sinnloses darf, aber damit zwischendurch als Korrektiv sehr nützlich ist. Gelegentlich landen Satiriker mit ihren Späßen vor Gericht, und manchmal erfahren sie da, was sie nicht durften. Aber auch da spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Satire den Richtern gefällt.

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“Die Provinz ist was für zähe Hunde”

Jessica Schober war noch nicht einmal losgelaufen, da meldeten sich schon die ersten Kritiker, um ihren Plan zu verhindern. Sie wollte einen Fußmarsch durch Deutschland machen, eine Reise mit Zwischenstopps in Lokalredaktionen. Ein bisschen so wie die Handwerker-Gesellen, deswegen hatte sie sich den Namen Wortwalz ausgedacht, aber schon das war zu viel.

Es kamen Mails, in denen Jessica Schober davor gewarnt wurde, die traditionelle Kluft anzuziehen. Einige störten sich am Wort “Gesellenwanderung” oder an einem Schlips auf einer Zeichnung. Auf Facebook schrieb einer: “Wir hassen Trittbrettfahrer. Denkt euch doch euer eigenes Ding aus, du kannst doch Praktika machen, wie es sich für Bürogummis gehört.”

Man hätte es gut verstehen können, wenn Jessica Schober ihr Vorhaben hier abgebrochen hätte. Es wäre ein kurzes Buch geworden, aber man hätte ein bisschen gelernt über das Immunsystem von Traditionsorganismen.

WorwalzNun aber steht dieser Teil an Anfang ihrer Deutschlandreise, und auf den folgenden Seiten lernt man noch etwas mehr darüber.  In Lokalredaktionen dreht sich ebenfalls ja vieles um die Frage, wie man am besten damit umgeht, wenn sich nun vieles verändert. Und dann besitzt auch der Mensch selbst so ein Abwehrsystem, dem es am liebsten ist, wenn alles so bleibt, wie es ist und das ihn von Abenteuern abhalten möchte.

Die Walz ist der Versuch, das zu überwinden, sich gegen den Willen der eigenen Faulheit ein paar Ziele zu suchen und sich in der Unbequemlichkeit zurechtzufinden. Da muss eine ersten Stationen natürlich ein Treffen mit den Handwerkern sein, die von der Idee nicht so begeistert waren.

Ihnen begegnet Jessica Schober auf der Sommerbaustelle,  einem jährlichen Treffen von Wandergesellen in der Nähe von Lübeck. Man hatte sie eingeladen und ihr gesagt: “Blogge nicht, und nenne das Ganze nichts Wortwalz.” Sie hatte sich nicht daran gehalten, war aber trotzdem hingefahren, und es ist dann tatsächlich alles nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Die Gesellen sind skeptisch, aber vieles lässt sich schon dadurch lösen, dass man sich gegenübersitzt und mal miteinander redet. Vielleicht ist das schon mal eine Sache, die man sich merken kann.

Sehr schön auch die Episode, wo die Presse ins Sommercamp einfällt und noch mal sehr deutlich wird, warum die Handwerker so kritisch waren.

„Auf einmal schäme ich mich ein bisschen für meine eigene Zunft, die schreibend und knipsend über fremde Welten herfällt. Immer auf der Jagd nach der nächsten Story, dem nächsten Foto. Ich bin genauso, wenn ich auf Terminen bin. (…) Kein Wunder, dass sie nach einer halben Stunde einen Text über die Wandergesellen in den Computer kloppen, an dem manches schief und einiges falsch ist. Zum Verstehen ist die Zeit zu knapp.“

Im Journalistenalltag fehlt diese Perspektive, und das führt manchmal zu paradoxen Situationen. In der Ausbildung lernen Volontäre, dass zum Beruf gehört, sich auch mal unbeliebt zu machen. Wenn die Menschen, über die sie geschrieben haben, dann wütend in der Redaktion anrufen, weil irgendetwas falsch dargestellt ist, fühlen die Journalisten sich trotzdem im Recht – weil etwas schreiben, was andere nicht wollen, das ist ja Pressefreiheit.

Und dann kommt irgendwann wieder die Frage: „Wo werde ich schlafen? Wo geht es als Nächstes hin?“

In Hamburg zur Straßenzeitung Hinz und Kunzt. Zusammen mit zwei Obdachlosen übernachtet sie unter einer Brücke in der Nähe des Spiegel-Hochhauses.

„Die Nacht bricht mit meinen Vorurteilen. Wir bestellen Pizza. Online, übers Handy.“

In Harburg trifft sie auf der Straße eine Frau, die sie zu Peter schickt. Peter ist, so stellt sich heraus, auch Lokaljournalist. Nachdem die Zeitung, bei der er 20 Jahre lang gearbeitet hatte, eingestellt wurde, gründete er vor drei Jahren seine eigene, das Harburger Blatt. 2000er Auflage. Die Zeitungen bringt er selbst zu den 60 Verkaufsstellen. Beim ihm schläft Jessica Schober in einem grünen Holzhaus.

„Peter ist bereit, für sein Blatt alles zu geben. Inzwischen wurde ihm das Wasser abgedreht und das Internet abgeschaltet. Er kann die Rechnungen nicht mehr bezahlen. Deshalb aufgeben? Niemals? Eine Woche lang frage ich mich bei den Nachbarn durch, wo ich duschen darf. (…) Peter jucken die Zustände am finanziellen Abgrund kaum. Die Toilette spült er mit der Gießkanne.“

Als sie eines Nachmittags von einem Ausflug an die Elbe zurückkehren, parkt Peter den Wagen ein paar Meter von Haus entfernt, wo das Finanzamt es garantiert nicht findet.

Wortwalz-Landkarte

Das sind wohl die Geschichten, von denen man sagt, dass sie auf der Straße liegen. Aber sie könnten auch vor der Redaktion auf der Straße liegen, finden würden Lokalredakteure sie da trotzdem nicht, denn dort mach sich kaum jemand die Mühe, mit Menschen, die man porträtieren möchte, etwas Zeit zu verbringen. In der einen Stunden, die der Lokalredakteur am Wohnzimmertisch sitzt und sich alles erklären lässt, erlebt er nichts, was er nachher erzählen könnte – außer, dass sein Gesprächspartner an seinem Kaffee genippt hat.

So zeigt Jessica Schober mit ihrer Hommage ganz nebenbei auch, was der Lokaljournalismus sich entgehen lässt, wenn er auf seine Superlative, E-Mails und Pressegespräche fixiert ist.

Andererseits sieht man, dass es nicht überall im Lokaljournalismus so düster aussieht, wie man vermuten würde, wenn man in den Nachrichten verfolgt, wie die Redaktionen immer kleiner und kleiner werden.

Es gibt guten Lokaljournalismus, und um den zu erkennen, muss man oft nicht mal in die Zeitung schauen, da reicht schon ein Nachmittag mit den Journalisten, die dort arbeiten. Es gibt vitale Redaktionen wie die der Rhein-Zeitung, wo man noch gut erkennen kann, dass die Menschen sich diesen Beruf irgendwann freiwillig ausgesucht haben.

Beim Nordbayerischen Kurier in Bayreuth übernachtet Jessica Schober in der Dunkelkammer des Gerichtsreporters, der die jungen Redakteure freitagsabends mit auf eine Kneipentour mitnimmt. Und dann gibt es noch die anderen Redaktionen wie die der Thüringischen Landeszeitung in Weimar.

„Hier gibt es Pflichtprogramm, kurz vorm Ermüdungsbruch. Einen Platz zum Mitarbeiten bekomme ich dennoch. In den nächsten Tagen soll ich die Sekretärin vertreten und Telefondienst machen. Ich werde in dieser Woche zwei Mal die Titelgeschichte des Lokalteils schreiben, viel vergebens recherchieren und dabei insgesamt 83 Euro verdienen.“

Im Blog erfährt man noch etwas mehr über das Elend dort. Mit den Telefonen kann man nur innerhalb von Thüringen telefonieren. Der Lokalchef weigert sich, mit einem Anrufer zu sprechen, der kein Leser seiner Zeitung ist. Und die Auflage soll hier geheim bleiben.

Bei der Thüringischen Allgemeinen, dem ehemaligen Konkurrenten, der heute zur gleichen Gruppe gehört, sagt der Lokalchef: „Der Tag diktiert so viel auf, das blockiert dich.“ Auf das Interview mit ihm, das sie an sieben Stationen geführt hat, verzichtet Jessica Schober hier.

“Meisterschnack” nennt sie diese Gespräche. Die Texte stehen zwar nicht im Buch, aber man findet sie im Blog, und es lohnt, da mal reinzuschauen. Die erste Frage ist immer: Warum sind Sie Lokaljournalist geworden?

Da könnte man sich natürlich einiges ausdenken, was nach Berufung und Zielstrebigkeit aussieht, aber interessanter sind doch die ehrlichen Antworten. Lars Reckermann, damals noch bei der Schwäbischen Post, heute Chefredakteur der Nordwest-Zeitung in Oldenburg, sagt auf die Frage: „Ich wollte mal Rechtsanwalt werden. Ich war aber total schlecht in der Schule, habe das zweitschlechteste Abitur gebaut.“

Lars Reckermann sagt auch den Satz „Journalismus ist ein Handwerk”, der dem Verdacht entgegenwirken soll, Journalisten könnten sich für Künstler halten. Die Künstlersozialkasse vertritt ja auch diese Meinung und auf den ersten Blick machen sie ja fast das Gleiche wie Schriftsteller.

Aber Journalisten sind keine Handwerker. Viele können nicht mal mit zehn Fingern schreiben, und wenn sie für ihre Arbeit einen Blumenstrauß bekommen, haben sie oft etwas falsch gemacht.

Kein Geselle würde einen Journalisten je als Handwerker bezeichnen. Das machen Journalisten nur selbst. Sie gehören nicht dazu, und sobald sie dazugehören, sind sie keine Journalisten mehr. Das ist ihr Dilemma.

Auf der Wortwalz wäre das die Gefahr gewesen. Nicht mehr zu sehen, dass man längst einer von denen ist. Mit Blumensträußen nach Hause zu gehen, wie es auch im Lokaljournalismus so schnell passieren kann. Aber es kann natürlich jedem passieren. Dann ist es wichtig das zu erkennen.

„Es ist die Journalistin, die mir entgleitet. Mir ist klar, wenn ich jetzt mit Heike (Anm.: eine Schreinerin, die sie getroffen hat) umherziehe, dann werde ich keine Reporterin sein. Ich werde nicht mehr in Lokalredaktionen anheuern, dieser Teil der Reise ist vorerst vorbei.“

Die Reise geht dann trotzdem noch weiter, nur eben nicht als Journalistin. Und das kann man sich vielleicht auch noch merken.

Jessica Schobers Buch über die Wortwalz kann man hier oder hier oder hier kaufen. Ich würde sehr dazu raten.

Jetzt hätte ich aber noch ein kleines Problem. Wie sag ich es. Ich war beim Lesen auf diesen Satz gestoßen, “Die Provinz ist was für zähe Hunde”, Seite 230. Ich dachte, das wäre doch ‘ne gute Überschrift, aber dann konnte ich ihn nirgendwo im Text unterbringen. Bis jetzt gerade.

Offenlegung:
Ich kenne Jessica, aber nur flüchtig. Wir haben uns im vergangenen Jahr einmal kurz beim Reporter-Forum getroffen. Ihre Idee, als Reporterin von Lokalredaktion zu Lokalredaktion fand ich schon vorher gut. Deswegen hab ich das Projekt mit einem nicht nennenswerten Kleinbetrag unterstützt – falls sich irgendjemand über meinen Namen hinten im Buch wundern sollte. 

 

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Diskriminierung für Dummys

Die Illustrierte Focus hat sich nun anscheinend bereiterklärt, all das, was die übrigen Medien an Ausländerhetze verweigern, mitzuübernehmen. Das ist sehr löblich, wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn den gleichen Plan hat die Junge Freiheit ja offenbar auch schon. Hier nur ein paar Sätze und Bilder aus der flüchtigen Durchsicht der Focus-Seite, um mal einen Eindruck zu vermitteln.

„Tappten die nordafrikanischen Banden in die Fußball-Falle?“

„Wie Köln hat auch Düsseldorf seit längerem ein Problem mit Straftätern aus dem nordafrikanischen Raum.“

Dings2

„Mit Unterstützung städtischer Ämter und der Bundespolizei wurden insgesamt 294 Personen überprüft – darunter eben auch viele Algerier.“

„Insbesondere Nordafrikaner werden auch für die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen und Diebstähle in der Kölner Silvesternacht verantwortlich gemacht.“

Ausländer1

„Die Ermittler gehen davon aus, dass die meisten Täter nordafrikanischer Herkunft sind.“

Das alles geschieht natürlich unter dem Deckmantel des Idioten-Credos „Es muss doch mal einer aussprechen“ und der Überzeugung, dass hier nur aus falsch verstandener Gastfreundschaft darauf verzichtet wird, die Nationalität von Straftätern zu benennen. Allerdings wird man den Eindruck nicht los, dass sie für ihre Schwarz-Weiß-Bilder beim Focus nur noch die Farbe Schwarz verwenden, weil sie finden, dass Weiß auch woanders schon im Überfluss vorhanden ist.

Mit dem Pressekodex muss man den Focus-Leuten natürlich nicht kommen. Auf den berufen sie sich ja selbst, denn der erlaubt es sogar (Richtlinie 12.1) bei Straftaten die Nationalität zu nennen, „wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“.

Sachlich mögen die einzelnen Sätze oben sogar stimmen, aber selbst wenn man der Überzeugung ist, dass man die Herkunft von Tätern auf keinen Fall verschweigen sollte, muss man einräumen, dass auch das Gesamtbild einen Eindruck verfestigt. Eine ganz interessante Leseerfahrung ist, auf der Focus-Seite die Adjektive „nordafrikanisch“ oder “ausländisch” im Kopf mal durch das Wort „jüdisch“ zu ersetzen.

Es macht einen Unterschied, ob man eine Information erwähnt, um dem Leser das Verständnis zu erleichtern, oder ob man sie so penetrant an jeder sich bietenden Stelle wiederholt, dass der differenzierungfaule Leser unweigerlich den Eindruck bekommen muss, dass es neben Krebs, AIDS und Naturkatastrophen eigentlich kaum eine größere Bedrohung  für unsere Gesellschaft gibt als den Nordafrikaner.

In der Richtline 12.1 steht eben auch noch der Satz: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Und das halten sie beim Focus offenbar für Gedöns, oder sie können sich unter “Vorurteilen gegen Minderheiten” nicht viel vorstellen. Dabei ist es doch gar nicht so schwer.

Hier vielleicht noch mal der Versuch einer Erklärung: Der Focus beschäftigt einen ganzen Haufen Journalisten, die sicherlich hier und da mit ihren Recherchen auch mal richtig liegen. Mal angenommen, man ist nun einer von diesen Focus-Journalisten, die sich redlich um gut recherchierte Fakten bemühen, aber dann ruft man irgendwo an, meldet sich mit seinem Namen, hängt noch die Ergänzung „Redaktion Focus“ dran, und man merkt sofort: Die Leute halten einen für einen gewaltigen Trottel. Das ist natürlich eine schreiende Ungerechtigkeit. Aber ungefähr so funktioniert der Mechanismus.

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Ahnungslose Siedler im Neuland

Der Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbands (DJV), Hendrik Zörner, hat den Verdacht, dass die Bundesregierung Informationen an Medien vorbei in die Öffentlichkeit schmuggelt. Leider ist die Botschaft der Pressemitteilung nicht ganz so klar. Und ich vermute, eigentlich möchte Hendrik Zörner auch etwas anderes sagen. Ich habe mich mal an einer Übersetzung versucht.

“Ein Kollege aus Berlin hat mir heute Morgen ein Fax geschickt. Er hat ziemlichen Ärger mit seinem Redaktionsleiter. Seit Wochen schon. Die Konkurrenz gräbt die dollsten Merkel-Geschichten aus, aber er hat keine Ahnung, woher sie die haben. Per Pressemitteilung kommen sie jedenfalls nicht rein, und das bedeutet wohl, dass Steffen Seibert sie irgendwo anders streuen muss.

Der Kollege in Berlin vermutet, das könnte irgendwas mit Facebook zu tun haben. Leider hat er selbst keine Zeit, sich um solche Spielereien zu kümmern. Aber wo jetzt auch schon der Spiegel an der Sache dran ist, fragt er, ob wir da als Verband nicht mal mit einer Pressemitteilung reagieren könnten. Und natürlich, wenn wir etwas können, dann das.

Vorab vielleicht noch eine kurze Bemerkung: Ich selbst bin natürlich auch nicht von gestern. Mir ist klar, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir Journalisten alles zuerst erfahren haben. Das läuft heute etwas anders. Und wenn wir keine andere Wahl haben, dann machen wir da natürlich gerne mit.

Aber so fortschrittlich sind leider nicht alle Kollegen hier im Verband, und unglücklicherweise muss ich ja auch in deren Namen sprechen. Daher nenne ich die Verbandsmitglieder, die mit diesem ganzen neumodischen Kram überhaupt nichts anfangen können, mal „Vertreter der reinen Lehre“. Das klingt ja sogar etwas schmeichelhaft.

Natürlich muss ich sagen: Es waren tolle Zeiten damals. Nicht nur die Zeitungen waren aus Papier, auch die Pressemitteilungen. Und mal ehrlich: Informationen auf Papier – das ist ja schon was ganz anderes als Informationen auf flackernden Bildschirmen. Würde ja niemand auf die Idee kommen, das teure Papier für Informationen zu verschwenden, die nicht auch wirklich stimmen. Im Internet dagegen scheinen Fehler für Veröffentlichungen ja schon fast eine Voraussetzung zu sein.

Damit kommen wir dem Problem langsam näher.

Angela Merkel will in Facebook und Twitter nicht als ahnungslose Siedlerin im Neuland rüberkommen. Langfristig wäre das auch unser Ziel. Aber ganz so weit sind wir da als Verband leider noch nicht, denn wir stecken in einem dummen Dilemma. Nach außen versuchen wir, uns modern zu geben, aber irgendwie müssen wir natürlich auch den Kollegen das Herz erwärmen, die noch kein Smartphone haben. Sonst zahlt nachher niemand mehr Beiträge, und dann gäbe es zum Beispiel auch diese Pressemitteilung nicht.

Es scheint ja jetzt jedenfalls so zu sein, dass Herr Seibert ab und zu Dinge bei Facebook veröffentlicht, die nicht als Pressemitteilung an die Kollegen rausgehen.

Das verurteilen wir natürlich (vor allem die Vertreter der reinen Lehre). Wir sind uns ja hoffentlich einig darin, dass diese Form der Kommunikation in höchstem Maße unseriös ist. Aber selbst unser neuer Vorsitzender ist in diesen so genannten Sozialen Medien ja sehr aktiv. Deshalb nenne ich das, was wir hier verbandsintern als Verflachung und Qualitätsverfall verteufeln, mal vorsichtig „anderen Sprachstil und andere Bildersprache“.

Nun ja, was soll ich den Kollegen jetzt sagen? Dass die sich alle bei Facebook und Twitter anmelden, kann ja auch keine Lösung sein.

Vielleicht können wir trotzdem zu einer einvernehmlichen Lösung finden. Die ganzen bunten Bilder, Tweets und Postings oder wie das alles heißt wollen wir hier natürlich auch nicht im Postfach haben. Wir haben ja eh schon genug zu tun. Aber wäre es nicht möglich, dass Sie wenigstens die interessanten Geschichten, also die mit Gehalt, nicht nur ins Internet stellen? Ganz im Vertrauen: Da würden Sie mir hier echt aus der Bredouille helfen.

Den Kollegen in Berlin muss ich übrigens in Schutz nehmen. Der hat sich jetzt vor zwei Wochen auch ein Handy gekauft. Das kann ich bezeugen, denn damit hat er mich vor fünf Minuten noch angerufen. Er hat gefragt, ob das Fax angekommen ist.”

Vielleicht noch eine kleine Bemerkung:
Ich bin selbst DJV-Mitglied, und ich bin nicht der Einzige da, der das alles etwas anders sieht.

Und eine Korrektur: 
Ich habe den Text von Hendrik Zörner auf der DJV-Seite irrtümlicherweise für eine Pressemitteilung gehalten. Ich muss zugeben, dass oben drüber nicht gerade klein “DJV Blog” steht. Es ist also ein Blog-Beitrag. Weil das an der inhaltlichen Kritik aber nichts ändert und man sich sonst wundert, wenn man die Audio-Datei hört, lasse ich das jetzt oben in meinem Text mal so stehen und weise hier darauf hin. 

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Ein Nachmittag in der VIP-Loge

Vor ein paar Jahren habe ich mal einen blöden Fehler gemacht. Kurz vor dem Wochenende rief ein Pressesprecher an, den ich ganz gut kannte, weil er privat mit einem Kollegen befreundet war.

Er sagte: „Hey, sag mal, wir haben da fürs Wochenende noch zwei Plätze in der VIP-Loge, Dortmund gegen Bremen. Haste nicht Lust?“

Der Fehler war, dass ich Ja gesagt habe.

Mir war klar, dass mit der Einladung nicht der Wunsch nach einer Gegenleistung verbunden sein würde. Es hatte überhaupt nichts Zwielichtiges. Vor allem wegen der Über-eine-Ecke-Verbindung empfand ich den Anruf eher als nette Geste. Und ich halte es nicht für ganz ausgeschlossen, dass es auch einfach so gemeint war.

Der Abend wurde sehr schön. Ich nahm meinen Vater mit, dessen einzige größere Schwäche seine Begeisterung für Borussia Dortmund ist. In der VIP-Loge traf ich einen Kollegen von einer anderen Zeitung. Erst ein paar Wochen später wurde mir klar, dass es vollkommen egal ist, ob es den Wunsch nach einer Gegenleistung gibt.

Der Mechanismus funktioniert anders, als man denkt, wenn man furchteinflößende Wörter wie “Einflussnahme” oder “Korruption” hört. Es ist nicht so wie zu Hause im Kinderzimmer, wo jemand donnernd in der Tür steht und mit nicht näher genannten Konsequenzen droht, wenn das Zimmer nicht aufgeräumt wird. Niemand droht. Das Schmiermittel heißt Freundlichkeit.

Wenn jemand einem einen Gefallen getan hat, muss er nicht dazusagen, dass er dafür gern etwas hätte. Das Gefühl, in der Schuld zu stehen, entwickelt sich ganz automatisch. Und das muss nicht bedeuten, dass man sich bemüht, die Schulden so schnell wie möglich zu begleichen. Nur, wenn der Gönner umgekehrt mal eine Bitte hat, fällt der Satz “Das geht leider nicht” eben deutlich schwerer.

Das Blöde ist, dass wieder mal nicht alles nur schwarz und weiß ist. In den seltensten Fällen erwarten Menschen, die einem mal einen Gefallen getan haben, dass man als Gegenleistung dafür Gesetze bricht. Oft geht es um Kleinigkeiten, Gefälligkeiten, die manchmal auch durchaus vertretbar sind.

„Du, wir haben hier ein Foto von einer Scheckübergabe. Kriegt ihr das morgen noch in die Zeitung?”

Wenn man dann nicht mehr mit gutem Gefühl Nein sagen kann und sich gegen die Interessen der Leser entscheidet, weil man sich freundschaftlich verpflichtet fühlt, wird das gute Verhältnis zum Problem. Und das ist das schmale Brett, auf dem Journalisten balancieren.

In meinem Fall rief der Pressesprecher ein paar Wochen später noch einmal an. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging. Tarifverhandlungen oder Stellenkürzeungen. Jedenfalls standen die Mitarbeiter vor dem Gebäude und demonstrierten. Ich war hingefahren und hatte mit ihnen gesprochen. Der Text war schon fertig. Vom Unternehmen hatte die Sache erst niemand kommentiert. Aber dann sagte der Pressesprecher, er würde mir noch eine Stellungnahme der Unternehmensleitung schicken. Ob ich die noch mit reinnehmen könne.

Kein unmoralisches Anliegen eigentlich, aber ich weiß noch, wie ich die Pressemitteilung las, nichts davon wirklich erwähnenswert fand, aber irgendwie doch dachte: Jetzt willste dich mal nicht so anstellen. Dann schreibste halt noch zwei Zitate rein. Dass ich auch an das Fußballspiel dachte, war wahrscheinlich kein Zufall.

Dieses Erlebnis fiel mir ein, als ich heute Morgen dieses Interview las. Ferdi Recker ist Redakteur im Lokalsport, und normalerweise trifft er sich einmal die Woche mit einem Sportler aus Emsdetten auf eine Tasse Kaffee, um darüber zu schreiben.

In dieser Woche traf er überraschenderweise „in der DEVK-VIP-Loge in der BAY-Arena“ den ehemaligen Schalker Fußballprofi Ingo Anderbrügge, den mit Emsdetten erst mal nicht so viel verbindet – außer vielleicht „das so beliebte DEVK-Fußballcamp“, das im Mai zum zehnten Mal in Emsdetten stattgefunden hat.

Wenn der Eindruck auf dem Foto nicht trügt, war die Atmosphäre „in der DEVK-Loge“ (Bildunterschrift) sehr freundschaftlich. Das deckt sich auch mit dem Eindruck, der sich aus dem Interview ergibt, in dem „’Eurofighter’ Ingo Anderbrügge“ Recker auf die Frage nach dem Hin und Her um Schalke-Manager Heldt zwar keine richtige Antwort gibt, aber immerhin auf die nicht gestellte Frage eingeht, wie er sich Journalismus vorstellt.

Ich weiß auch nicht, wer da was gesagt hat, wie es nach außen drang. Die Presse soll doch lieber über den guten Start berichten.

Den Rat nahm Ferdi Recker zwar nicht an. Stattdessen zeigte er, dass er in der Lage ist, deutlich bessere Vorlagen zu geben als zum Beispiel das Schalker Mittelfeld.

Da wäre zum Beispiel diese „Interviewfrage“:

Verkauf von Julian Draxler von Schalke nach Wolfsburg?

Oder diese hier:

Der aktuelle „Skandal“ um das Sommermärchen 2006?

Was soll Anderbrügge da schon sagen? Immerhin sagte er nicht: “Da ist soweit alles in Ordnung.”

Kurz darauf ist man mit dem Text durch, und es bleibt der unglückliche Eindruck, dass es bei Reckers Besuch „in der DEVK-VIP-Loge in der BAY-Arena“ nur in zweiter Linie um ein Interview ging, von dem auch Zeitungsleser etwas haben könnten.

Es ist natürlich verlockend in VIP-Logen eingeladen zu werden und dann auch noch mit Prominenten reden zu dürfen. Und ich will auch gar nicht ausschließen, dass sich bei solchen Gelegenheiten Dinge ergeben können, die über ein, zwei Banden dann doch wieder den Lesern nützen. Andererseits wäre es schon mit sehr wenig Aufwand möglich gewesen, das Ergebnis etwas weniger schlimm aussehen zu lassen. Und da muss man noch nicht mal bei den Fragen anfangen.

Man hätte zum Beispiel die seltsame DEVK-Schleichwerbung weglassen können. Man hätte erklären können, wie das Interview zustandegekommen ist. Ein Hinweis am Ende, dass die Versicherung den Nachmittag möglich gemacht und vielleicht auch bezahlt hat, wäre etwas aufschlussreicher und deutlich weniger ominös gewesen als die hier gewählte Variante. Ferdi Recker scheint sich jedenfalls nicht selbst in die VIP-Loge eingeladen zu haben, und wenn man das als Leser weiß, hat man vielleicht auch andere Erwartungen an so ein Interview.

Vielleicht hätte man auch einfach sagen müssen: Eine Einladung in die VIP-Loge zu einem Bundesligaspiel ist zwar sehr schön, aber möglicherweise doch ein etwas zu großer Gefallen für einen Redakteur, der mit Bundesliga-Fußball sonst gar nichts zu tun hat. Nur leider muss ich eben blöderweise auch zugeben: So was merkt man manchmal erst hinterher.

Kleiner Nachtrag (29. Oktober, 14.40 Uhr)
Ein Kollege wies mich soeben darauf hin, dass Ferdi Recker die Sache mit der Einladung hier in einem weiteren Text erklärt hat.

Noch ein Nachtrag (30. Oktober, 11.33 Uhr)
Der Link oben führt jetzt leider ins Nichts. Jemand scheint den Blogtext gelöscht zu haben, aber man findet ihn weiterhin hier im Cache.

Offenlegung:
Ich habe bis 2014 beim Verlag Lensing-Wolff gearbeitet, zu dem da auch noch die Emsdettener Volkszeitung gehörte.

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