Das Primat des Weglassens

Joachim Widmann hat keine große Lust auf lahmen Lokaljournalismus. Geht mir auch so. Das klang hier sicher schon mal durch. Ich habe hier ja auch schon öfter erklärt, was mich so stört. Joachim Widmann hat das jetzt in Form der zehn Gebote des Lokaljournalismus getan. So steht es über seinem Text auf kress.de. Und das wäre eigentlich ein guter Grund gewesen, den Text nicht zu lesen. Aber weil ich so neugierig bin, habe ich dann doch die ersten Absätze überflogen, und da steht, dass die Form nicht ganz ernst gemeint ist. Das hat mich etwas beruhigt.

Jedenfalls Folgendes: Im Prinzip bin ich Widmanns Meinung. Jetzt wiederhole ich mich schon im zweiten Absatz. Aber genau das ist der Punkt. Sobald man das Wort “Lokaljournalismus” zusammen mit den Wörtern “Thesen” oder “Zukunft” liest, ahnt man: Jetzt kommt gleich wieder die Sache mit der kritischen Haltung, den Anzeigenkunden und der Unabhängigkeit.

Als Lokaljournalist sitzt man dann entweder da und fühlt sich nicht angesprochen, weil man denkt: Gut, im Prinzip ist das so. Aber bei uns hier in der Stadt läuft das alles ein bisschen anders.

Oder aber man würde gern etwas ändern und fragt sich, wie man das auf die Schnelle machen soll. Wenn man den Leuten im Schützenverein erzählt, wir machen jetzt ab morgen alles anders, kritisch und so, werden die das zur Kenntnis nehmen. Aber sobald man die Tür hinter sich zugeschlagen hat, lachen die sich tot.

Die ganze Kultur ist versaut. Das kann ein Einzelner nur sehr schwer ändern.

Zu Gebot eins und zwei: Verlautbarungen.

Ich vermute mal, dass es in den meisten Lokalredaktionen eher nicht so ist, dass man sich morgens fragt: Pressekonferenz. Gut, den ganz normalen Scheiß wie immer? Oder machen wir ein Porträt mit Reportage-Elementen?

Allein an dieser einen Veranstaltungsform Pressekonferenz hängt ein ganzer Anhänger voll mit Problemen.

Die Frage „Gehen wir da überhaupt hin?“ wird oft gar nicht gestellt, weil schon das Wort Pressekonferenz einen so offiziellen Schimmer verbreitet, dass kein Redakteur sich traut, einfach mal zu sagen: Das sparen wir uns. Je kleiner das Dorf, desto größer das Problem. Das verstehen natürlich auch Parteien und Vereine, und sobald sich dieses Wissen verbreitet hat, führt das dazu, dass freitagsmorgens oft zeitgleich fünf Pressekonferenzen stattfinden, weil alles am Samstag in die Zeitung soll, die Redaktion zu Pressekonferenzen garantiert jemanden schickt – und wenn sie jemanden geschickt hat, immer auch schreibt.

Nun aber zu dem Problem, das Widmann kritisiert. Üblich ist, dass nach der Pressekonferenz einfach all das aufgeschrieben wird, was die Offiziellen zu berichten hatten. Und wenn man nachher Artikel und Pressemitteilung nebeneinanderlegt, entsteht manchmal der Eindruck, dass der Journalist seine Aufgabe vor allem darin gesehen hat, den Text der Pressestelle möglichst kunstvoll zu paraphrasieren.

Ich habe das auch schon gemacht. Und während ich das tat, war mir bewusst, dass das nicht gut ist. Aber die Alternative in diesem Moment war nicht: Pressemitteilung wegwerfen und selbst eine fundierte Analyse schreiben. Dazu bräuchte man ja erst mal so etwas wie Ahnung. Und um sich die anzueignen, braucht man ein bisschen mehr Zeit als die viereinhalb Minuten, die für den Wikipedia-Artikel draufgehen.

Diese Zeit ist aber gar nicht eingeplant. Und hier käme jetzt meine Gegenthese: Das Meiste, was Joachim Widmann fordert, lässt sich so gar nicht umsetzen, wenn nicht mal irgendwer anfängt, in Lokalredaktionen das Gerücht zu kolportieren, dass auch Recherchezeit Arbeitszeit ist.

Tatsächlich ist es eher so, dass die Arbeitszeit in Zeilen gemessen wird. „Wie? Nur 50 Zeilen geschrieben heute? Was hast du denn den ganzen Tag gemacht?“

Das Lob in der Konferenz fällt nicht auf den, der mit etwas Recherche, viel Mühe und drei längeren Gesprächen eine wichtige Nachricht ausgegraben hat. Die Bewunderung trifft den, der es auf magische Weise geschafft hat, tausend Zeilen Text in einer Ausgabe unterzubringen.

Die Zeitung muss voll werden. Jetzt wiederhole ich mich schon wieder. Aber das ist das Hauptproblem. Nicht die fehlende Distanz, der zu kurze Atem oder die mangelnde Offenheit. Es sind die leeren Seiten in der Zeitung.

Deshalb glaube ich, dass die richtigen Adressaten für zehn Gebote gar nicht die Journalisten sind, die dann am Ende in den Pressekonferenzen sitzen.

Und dann die Sache mit dem Image. Meine Erfahrung ist: Erzähle jemandem, dass du Lokaljournalist bist, und er wird dich für einen Idioten halten. Neulich hat mich ein Kollege, der für eine überregionale Tageszeitung arbeitet, in einer Runde als Lokaljournalist vorgestellt. Später hat er sich dafür entschuldigt.

Ich selbst finde nichts Schlimmes daran, Nachrichten und Geschichten aus der näheren Umgebung aufzuschreiben. Aber das verbreitete Bild sieht ja eher so aus, dass das die Leute sind, die bestellt werden können, wenn man ein Gruppenfoto braucht. Und meistens werden sie eben in den Kleingarten und zu den Taubenzüchtern bestellt.

Vielleicht muss die Frage erst mal lauten: Wie wird man dieses Image los?

Meine Vermutung ist, dass ungefähr hier eine nicht ganz unwichtige Ursache dafür liegt, dass junge Menschen mit Lokaljournalismus nicht viel anfangen können. Er ist gnadenlos unsexy.

Ein erster Lösungsvorschlag wäre: Man müsste sich mal damit beschäftigen.

Mein Kollege Jörg Homering-Elsner und ich sammeln, wie einige vielleicht wissen, Perlen des Lokaljournalismus. Jeden Tag schicken Kollegen und Zeitungsleser Dutzende neuer Ausschnitte mit den unglaublichsten Fehlern. Korrekturen sehen wir nur selten, was natürlich auch daran liegen kann, dass sie nicht geschickt werden. Ich glaube allerdings, es gibt meistens einfach keine, weil das natürlich die Lösung des Problems ist, die in der Vergangenheit auch immer funktioniert hat. Man erwähnt es einfach nicht. Dann wird es schon bald wieder vergessen sein.

Aber das Image ist jetzt da, es ist recht dominant geworden, und es wird vermutlich bleiben. Mittlerweile wäre es wichtig, sich von diesem Trotteljournalismus zu distanzieren. Dann und wann spricht es mal jemand an, aber es kommt mir doch vor wie in dieser Sparkassen-Werbung, wo am Ende der Chef sagt: „Wir machen das mit den Fähnchen.“

Dabei gäbe es ja gute Beispiele, wie man mit einem so verkorksten Image umgehen kann.

Die Bausparkasse LBS zum Beispiel hat das Problem, dass man sie und ihre Kunden für ziemlich langweilig hält, gelöst, indem sie sich in ihrer Werbung ironisch, aber auch recht selbstbewusst dazu bekannt hat, eben die Bausparkasse der Spießer zu sein.

Lokalzeitungen dagegen kämpfen weiter gegen den Dorftrottel-Ruf, indem sie ihre eigene Bedeutung ins Unermessliche überhöhen. Auftrag im Grundgesetz. Vierte Macht im Staat. Und dann kommt so was dabei raus.

Ein Redakteur alleine kann das aber auch nicht lösen. Er braucht ja erst mal eine Vorstellung davon, was der Verlag überhaupt will. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber oft ist das ja gar nicht so klar. Viele Redakteure, die seit Jahren auf einem Schiff mit der Flagge „Journalismus“ segeln, haben ja mit der Zeit schon ein Gefühl dafür bekommen, dass es in Wirklichkeit um Convenience-Content für Anzeigenkunden geht.

Ich kann ganz gut verstehen, dass Journalisten resignieren und an gewissen Stellen auf Kritik verzichten, wenn sie an der einen Front gegen die Spendenfoto-Wünsche und Geheimhaltungsdiktate der Anzeigenkunden kämpfen und an der anderen Front gegen den eigenen Laden.

Da kann man dem Redakteur dann raten: Sei kritisch! Sei offen! Sei flexibel! Aber ohne die Rückendeckung des Arbeitgebers wird er doch nur der Trottel bleiben, der gegen Ende der Woche anruft, um noch mal nachzuhaken. Wenn es tatsächlich mal heikel wird, trifft man sich mit dem Verlagsgeschäftsführer, und der regelt dann schon, dass nichts in der Zeitung steht.

Dabei geht jetzt vielleicht ein bisschen der Eindruck verloren, dass ich Joachim Widmann eigentlich schon zustimme. Man braucht das ja alles. Kritische Journalisten. Distanzierte Journalisten. Gut informierte Journalisten. Aber so etwas kann nur in einer Umgebung gedeihen, die das zulässt und fordert.

Anders als Widmann glaube ich nicht, dass Lokaljournalisten das Zeitproblem selbst lösen können, indem sie ihre Woche schon mal vorplanen. Natürlich sind sie auch selbst schuld. Wenn man in Lokalredaktionen von anderen Journalisten hört, die eine Woche an einer Geschichte recherchieren, ist die Reaktion entweder ein verzweifeltes: „Das würde ich auch gern.“ Oder ein: „Pah! In der Zeit schreib ich fünf Geschichten.“

Deshalb würde sich in vielen Redaktionen wahrscheinlich auch nicht viel ändern, wenn es plötzlich zwei Redakteure mehr gäbe. Es ist ein Kulturproblem. Es fehlt das Verständnis für gründliche Recherchen, weil es dann natürlich an Output mangelt. Drei schnelle Geschichten sind immer besser als eine gute. Es regiert das Primat der Quantität.

Also was tun, wenn die Leute sich nicht mehr für die Lokalberichterstattung interessieren? Vollkommen klar: Wir verkaufen zwei Seiten mehr.

Es gibt Städte mit 30.000 Einwohnern, in denen jeden Tag acht Lokalseiten erscheinen. Um die zu füllen, braucht man entweder zehn Reporter, eine irre Fantasie oder ein Postfach voller Pressemitteilungen.

Es ist ja vielleicht ganz schön, wenn man beim Frühstück noch drei Seiten mehr ungelesen wegblättern kann, aber am Ende führt es nicht dazu, dass die Leute im Bus über die wichtigsten Themen aus der Zeitung diskutieren, sondern dazu, dass man von irgendwoher den Satz hört: „Steht wieder nix drin im Käseblatt.“

Aber selbst, wenn es in dieser Stadt tatsächlich irgendwann nicht mehr acht, sondern nur noch drei Lokalzeitungsseiten gäbe, sich ein verrückter Verleger fände, der bereit wäre, bei dem Umfang mehr als einen Redakteur zu beschäftigen, so dass man Geschichten auch mal zu Ende recherchieren und im Zweifel nicht drucken könnte, wäre ein anderes Problem noch immer nicht gelöst: Es klingt natürlich sehr gut, über Pressekonferenzen mal ganz anders zu schreiben, ein Gruppenporträt mit Reportage-Elementen mitzubringen und die Perspektive zu wechseln, aber Lokaljournalismus bedeutet eben auch: Nach einem Jahr wiederholt sich alles. Und spätestens bei der fünften Pressekonferenz des örtlichen Energieversorgers wird man feststellen: Es gibt nicht unendlich viele Möglichkeiten, alles anders zu machen.

Nach meiner Erfahrung steht dann irgendwann wieder einfach die Nachricht in der Zeitung, weil es am Ende ja vor allem darum geht. Und hier habe ich eine Schleife eingebaut. Jetzt könnte man im Text wieder nach oben springen.

Stichwort Quantität.

Oft sind die Dinge eben nicht so offensichtlich wie der Zusammenhang zwischen der schlechten Ausstattung des Jugendheims und den trinkenden Jugendlichen vor der Tankstelle. Meistens ist es eher so, dass man viel telefonieren und lesen muss, bevor einem überhaupt erst mal irgendetwas auffällt. Und wenn im Terminkalender morgens eine Pressekonferenz steht und nachmittags eine, wird man die Hintergründe auch mit der besten Auffassungsgabe nicht sehen.

Man bräuchte so etwas wie ein Primat des Weglassens, damit mehr Platz für das Wesentliche bleibt. Aber das Dilemma ist: Je mehr man weglässt, desto wahrscheinlicher wird das Szenario, in dem irgendwann der Verleger mit der Neuigkeit in der Redaktion steht, dass man in Zukunft nicht mehr ganz so viele Schreibtische braucht.

Also geht alles erst mal so weiter. Und eigentlich fallen mir auch nur zwei Lösungen ein: Entweder, man verpflichtet die Verleger gesetzlich dazu, die eigene Lokalzeitung jeden Tag von vorne bis hinten zu lesen. Oder wir versuchen es weiter mit Thesen.

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15 comments

  1. sollte es eines tages eine gute lösung für diese probleme geben weiß ich heute noch nicht wie die aussieht, aber eines weiß ich genau — es wird keine zeitung sein. es ist nicht nur das geschäftsmodell es ist die institution die tot* ist.

    *kleine randbemerkung zu den notorischen thesenschreibern und visionären der zunft; ist ihnen auch schon aufgefallen das die sich immer weiter von dort wo’s weh tut zurückziehen? herr blau, frau bunz und erst gestern frau borchert. ein schelm …

  2. Ich kann die Resignation nachvollziehen, die aus dieser Replik klingt. Ich widerspreche aber der impliziten Aussage, dass solcher Journalismus im Lokalen nicht möglich sei. Er ist möglich, er wird mit Erfolg in Norwegen und Schweden praktiziert, teils von winzigen Redaktionen, oft von winzigen Redaktionen am Ende der Welt, in Käffern hinterm Berg hinterm Fjord.

    Für mich als Ex-Chefredakteur ist der entscheidende Satz dieser: “Wenn es tatsächlich mal heikel wird, trifft man sich mit dem Verlagsgeschäftsführer, und der regelt dann schon, dass nichts in der Zeitung steht.” Was mich betrifft, ist dies auch die Antwort auf den zweiten Absatz im Kommentar von “westernworld”.

  3. Die Forderungen von Joachim Widmann umzusetzen mag sehr schwer sein, ja. Ohne Rückendeckung der Verleger sogar unmöglich. Das stimmt.

    Aber ist die mangelnde Rückendeckung denn ein Gesetz, das auf so festem Granit steht, dass es unumstößlich wirkt? Ich bin nicht alt genug, um aus eigener Erfahrung zu sprechen, aber nach den Erzählungen meiner Eltern glaube ich, dass auch die Mauer durch Deutschland lange Zeit als unumstößlich galt.

    Weder kann ich mit der Erfahrung eines Chefredakteurs meine Position stärken, wie Joachim Widmann das kann, noch kann ich mit den Fähigkeiten und der Erfahrung eines Ralf Heimann mithalten. ABER – ich bin nicht nur Nachwuchs-Journalist sondern auch eines dieser Gewächse, das mancher Verleger offenbar schon aufgegeben zu haben scheint. Ein Nachwuchs-Leser.

    Natürlich will ich guten überregionalen Journalismus. Aber – vielleicht noch mehr – will ich guten Lokaljournalismus. Ich will wissen, was in meiner Region passiert, was die Frau an der Ladentheke umtreibt, die immer so traurig dreinschaut. Will wissen, was beim örtlichen Klinikum Sache ist und was einen lokal ansässigen Künstler dazu treibt, seiner brotlosen Kunst wider aller Widerstände nachzugehen.

    Ich will Geschehen durch Geschichten. Meine Heimat erleben. Guter Lokaljournalismus sollte wie ein Fenster fungieren, der mir eine andere Perspektive auf das Alltägliche eröffnet. Eben hinter die Kulissen blickt, die ich normalerweise nicht hinterfrage. Lokaljournalismus muss die Region in der er praktiziert wird erlebbar machen. LEBEN ist aber genau das, was kaum noch eine Zeitung in sich trägt.

    Und dass die Perspektiven irgendwann ausgehen, weil das Thema der Presse-Konferenz immer dasselbe bleibt? Das ist der Moment, in dem sich tatsächlich jegliche Berichterstattung erübrigt. Nicht aber, weil es zu Widerholungen käme, sondern weil die Welt als solche dann aufgehört hätte zu existieren. Denn solange sie existiert ist sie zu reich an Facetten, als dass sie auf Wiederholungen angewiesen wäre.

    Jeder Mensch und jedes Ding hat seine Geschichte.
    Man muss sich nur trauen, sie zu erzählen.

  4. Lieber Herr Widmann,

    falls das in meinem Text so pauschal klingen sollte: Das ist natürlich falsch. Ich glaube schon, dass guter Lokaljournalismus möglich ist, auch in Deutschland. Aber es gibt mehr schlechte als gute Beispiele.

    Vor ein paar Monaten war ich beim Nordbayerischen Kurier zu Gast. Das wäre ein gutes Beispiel. Da erzählte der Chefredakteur Joachim Braun abends von seinen Bemühungen, die Zeitungskultur in der Stadt zu verändern, was sehr beschwerlich ist, nur langsam geht und auch den gefühlten Wahrheiten widerspricht, die über Lokaljournalismus so im Umlauf sind.

    Dass man mit den Leuten abends an der Theke stehen muss, weil man sonst nichts erfährt. Dass man es sich mit den wichtigen Leuten bloß nicht verscherzen darf, weil die einem dann gar nichts mehr erzählen. Dass man über Medienpartnerschaften an exklusive Informationen kommt. Das sind alles so Feigenblätter der Bequemlichkeit.

    Joachim Braun hat ja auch mal ein paar Thesen formuliert (http://goo.gl/KwYaOQ). Ich glaube ihm auch, dass er das nicht nur so meint, sondern auch so macht. Ich finde das sehr bewundernswert. Insofern bin ich nicht resigniert, was die Frage angeht, ob es möglich ist oder nicht.

    Aber es gibt da eben zwei Wege: Entweder eine Zeitung erarbeitet sich Respekt dadurch, dass sie sich nicht auf Kungeleien und Gefälligkeiten einlässt, oder sie freundet sich mit den wichtigen Leuten an. Und weil der zweite Weg so viel beliebter ist, scheinen viele Leute von Lokalzeitungen nicht ganz so viel zu halten.

    Da kann die Zeitung noch so gut sein. Viele Leute denken immer noch: das blöde Käseblatt.

    Und lieber Manuel,

    klar, wenn ich nicht glauben würde, dass es auch anders ginge, würde ich das nicht schreiben. Wobei ich es auch immer für möglich halte, dass wir Journalisten uns guten Lokaljournalismus gern so vorstellen, wie ihn am Ende keiner haben will. So ähnlich sieht Christian Jakubetz das zum Beispiel.

  5. “Dazu bräuchte man ja erst mal so etwas wie Ahnung.”

    Da haben Sie aber ins Schwarze getroffen. Denn DAS ist es, was ich bei den meisten Artikeln vermisse. Egal bei welchem Thema. Am wenigste ahnungs- und interesselos scheinen noch die Ideologen, aber ist das besser? oder gar gewünscht?

  6. Sehe das wie Manuel Stark. Eigentlich kann die Zukunft der lokalen Zeitungen doch nur über Lokaljournalismus funktionieren. Alles andere, überregionale kann ich doch schon online bei Spiegel, SZ und Zeit lesen. Lokales ist das Pfund, mit dem die Zeitungen wuchern können und sollen.

  7. Volle Zustimmung zu dem Problem. Ich glaube aber, dass an vielen Stellen gerade bei jungen Journalisten die “Kultur” besser ist. Nur wird sie ihnen ausgetrieben was besonders ernüchternd ist, wenn man dann vor der Frage steht: Das machen, weshalb ich diesen Job machen wollte – oder irgendwo ein bisschen Geld verdienen.

    Was im Text außen vor bleibt ist der außerverlegerische Journalismus. In den letzten Jahren wurden ja viele (yhper)lokale Blogs/Magazine gegründet. Meist eben von Journalisten (teils mit Jahren Erfahrung, teils auch sehr jung), die Qualität machen wollen und die Defizite sehen und zudem (vielleicht zurecht) glauben, dass die Sache besser und flexibler außerhalb der Strukturen angegangen werden kann. Leider stellt sich gerade hier das Finanzierungsproblem. Heißt: Eine dritte Lösung könnte es sein, dafür zu sorgen, dass diese Leute mehr Spielraum erhalten.

  8. Zitat aus dem heutigen “Badischen Tagblatt”, einer Lokalzeitung für Baden-Baden und Umgebung, die sowohl in Print als auch digital zum Schlimmsten zählt, was man sich so vorstellen kann:

    “Die Teilfortschreibung “Windenergie” des Regionalplans für den Mittleren Oberrhein nähert sich ihrem Ende. Nach viereinhalb Jahren Planungsarbeit mit intensiver Beteiligung der Bevölkerung beschließt die Verbandsversammlung des Regionalverbands voraussichtlich am Mittwoch, 9. Dezember, die entsprechende Satzung. Dies erklärte Verbandsdirektor Gerd Hager am Donnerstag.

    “Zuvor ist noch eine ganze Menge Arbeit zu erledigen.” So würden derzeit im Schnitt 120 bis 150 Einwendungen täglich beim Regionalverband eingehen. So habe eine größere Delegation von Privatpersonen und Bürgerinitiativen für heute ihren Besuch beim Regionalverband angekündigt, so Hager. …

    Eigentlich fehtl nur: “Auch der Wettergott hatte ein Einsehen.”

  9. Ich frage mich, ob es nicht zwei verschiedene Bedürfnisse sind, die die Verlage mit einem Produkt zu befriedigen versuchen:

    1. Klatsch, Tratsch und sich selbst in der Zeitung sehen. Der klassische Lokalausgabencontent, man freut sich, sich selbst und Bekannte zu sehen, man erfährt, dass jetzt in der Bahnhofstraße gebaut wird (hat man im Vorbeifahren schon bemerkt, aber die Bestätigung der eigenen Wahrnehmung ist ja auch schön), dazu ein paar Todesanzeigen, ein paar Geburtsanzeigen, ein bisschen redaktioneller Content, über den man mit dem Nachbarn reden kann, und die Schweinebauchanzeigen. Alles bitte nicht allzu kritisch – oder nur dann, wenn es der eigenen Meinung entspricht. Das gibt es schon, nennt sich Anzeigenblatt; kann man optimieren, aber im Grunde: so.

    2. tatsächlicher Journalismus. Den gibt es derzeit kaum im Lokalen – aus den genannten Gründen beim Produzenten, aber auch, das stelle ich jetzt mal als These in den Raum, weil es einfach nicht genügend Leute wollen. Lokal hat man eh schon eine geringe Reichweite, wenn von 60.000 potentiellen RezipientInnen nur 5.000 regelmäßig für ein solches Produkt bezahlen wollen und diese 5.000 dann auch nicht mehr als 10 Euro im Monat, ja, dann wird es schwierig. Das ist aus meiner Sicht das Entscheidende: Es braucht finanzielle und geistige Unterstützer unter denen, die es lesen (oder stiftungsfinanzierten Journalismus).

    Ist die Frage, wie man dahin kommt – dieses Begehren zu wecken und die Menschen zu überzeugen: Das ist wichtig, das braucht diese Stadt, dazu müsst Ihr aber auch aktiv werden. Dazu fehlt in vielen Städten, insbesondere auf dem Land, meinem Empfinden nach eine entsprechende Kultur der Transparenz und öffentlichen Debatte, die Bereitschaft einer konstruktiven, kritischen Auseinandersetzung auch mit dem eigenen Tun. Dazu fehlt es auch an dem Mut einer Anfangsinvestition, die am Ende vielleicht doch mehr als 5.000 Leute davon überzeugt, wie toll Journalismus ist.

    Vielleicht funktioniert Journalismus aber auch gar nicht mehr auf lokaler Ebene. Vielleicht orientieren wir als Rezipienten uns inzwischen in einem viel weiteren regionalen Umfeld, wollen zwar den lokalen Klatsch und Tratsch, die wirklich journalistischen Stücke aber lieber regional, global, nicht an den Grenzen der Stadt endend. Dann gäbe es eine größere Grundgesamtheit an möglichen LeserInnen und gleichzeitig ist der einzelne Journalist, wenn er einen größeren Berichterstatungsradius hat, nicht mehr so stark im lokalen Filz verhaftet.

    Das nur als Gedanken.

  10. Ich bin mit meinem Volontariat noch nicht ganz fertig und mag damit grün hinter den Ohren erscheinen. Aber ich habe das Gejammer über den Lokaljournalismus satt. Damit meine ich das Gejammer der Nicht-Lokaljournalisten genauso wie das Gejammer der Lokaljournalisten selbst. Ich kann nur für die Region sprechen, deren Lokalmedien ich kenne – aber sowohl als Rezipientin als auch bei meiner Arbeit für eben jene stelle ich immer wieder fest: Lokaljournalismus ist nicht so schlecht, wie er immer gemacht wird. Klar gibt es bei den allermeisten Publikationen noch Luft nach oben. Es gibt schwarze Schafe und es gibt unter den weißen Schafen riesige Unterschiede von Tag zu Tag, von Lokalteil/-studio zu Lokalteil/-studio und von Kollege zu Kollege. Aber in welcher Firma ist jede Abteilung, jeder Kollege gleich gut, jeder Arbeitstag gleich ergiebig? Wer ist jeden Tag gleich kreativ und konzentriert?

    Ich kenne auch Lokalausgaben, in denen die Kollegen nicht nah genug an den Interessen der Leser sind. Ich kenne auch Kollegen, die sich eher mit Masse statt Qualität brüsten. Aber das ist kein allgemeines Phänomen. Und das wird bei den Publikationen, für die ich bisher gearbeitet habe, in aller Regel nicht von den Chefs unterstützt. Die sind höchstens in Krisenzeiten froh, wenn die Zeitung voll wird. Im Allgemeinen treten sie für einen modernen, fundierten und lebendigen Journalismus ein. Und Und auch, wenn das nicht auf alle Lokalleiter zu 100 % zutrifft, weiß ich in unserem Unternehmen vor allem eins: Die Chefredaktion und der Verleger setzen sich konsequent dafür ein, dass die Zeitung immer besser wird. Bei so viel Einigkeit nimmt selbst die Geschäftsführung diese Haltung ein. Auch bei anderen Lokalzeitungen überwiegt mein Eindruck, dass die Qualität überwiegend nicht so schlecht ist wie behauptet.

    Für mich liest sich die Liste von Widmann als äußerst banal, weil die sinnvollen Vorschläge bereits täglich im Lokaljournalismus umgesetzt werden. Nicht konsequent bis zur letzten Zeile im Blatt, und wie erwähnt glaube ich auch, dass an vielen Ecken noch Verbesserungsbedarf besteht. Das Problem sehe ich bei weitem nicht nur bei den Verlagen, Chefredakteuren und Regional-/Lokal-/Ressortleitern. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass der Großteil der Journalisten selbst das Problem ist. Zum einen aus verständlichen Gründen: ältere Kollegen, denen ihre Schreibe von vor 30 Jahren noch gefällt und die mit modern geschriebenen Texten nichts anfangen können. Kollegen, die sich vor allem als Chronisten sehen.

    Das größte Problem ist aus meiner Sicht aber das Selbstverständnis vieler Kollegen, vor allem im Print. Die Einstellung zur eigenen Leistung lässt bei vielen zu wünschen übrig. Man hält sich selbst für schlecht und die Punlikation, für die man arbeitet. Die anderen machen vermeintlich alles besser (auch, wenn das nicht stimmt). Und ändern lässt sich auch nichts. Bringt ja eh nichts, wird das Blatt ja eh bald nicht mehr geben. Deshalb lohnt sich’s ja auch nicht, zu lernen, sich zu verbessern. Grundstimmung: alles Scheiße. Wenn in jeder Redaktion (je nach Größe) ein oder zwei solche Leute sitzen, nützt es auch nichts, wenn motivierte Kollegen versuchen, die Ausgabe zu modernisieren.

    Sorry für den Roman.

  11. Der Text war überfällig. Und das Theorie-Thesen-Gewäsch geht mir auf den Senkel. Auf der einen Seite soll man integriert sein, wissen, was so läuft, auf der anderen doch bitte den kritisch-distanzierten Blickwinkel einnehmen. Aber dann halten den auch ganz schnell die Informanten, und man sitzt als Schreiber vor leeren Blöcken. Ganz zu schweigen von Zeitdruck, Zeitdruck, Zeitdruck, Verlagsinteressen, immer weiter ausgedünnter Personaldecke und immer neuen zusätzlichen Aufgaben (Social Media). Beim besten Willen wüsste ich keine Lösung.

  12. Tränen stehen mir in den Augen vor so viel Wahrheit. Danke. Ich stehe täglich vor den genannten Problemen, Sorgen und Problemchen – aktuell in einer 12.000-Einwohner-Stadt. Immerhin: Wir machen nur 2 oder 3 Seiten, im besten Fall mit 2, manchmal auch mit einem Redakteur.

    Und wenn dann die Geschichte platzt, weil der Mitarbeiter “doch nicht” liefert, haben wir im besten Fall was auf Halde. Im schlimmsten wird die PM angereichert und nachrecherchiert. Es soll Kollegen geben, die ändern zweimal den Satzbau und setzen ihr Kürzel drunter. Kann man machen, ist aber dann halt die berühmte Kacke. Aber vielleicht bin ich auch noch ein wenig zu idealistisch und unfrustriert.

    Leider wecken Widmanns Moses’sche Gebote den Eindruck, der Lokaljournalismus sei in Gänze am Abgrund, befolgte er nicht seine Vorgaben. Sie sind so hehr – wie an mancher Stelle auch utopisch.

  13. Lieber Herr Heimann,

    “Feigenblätter der Bequemlichkeit” – das gefällt mir. Wie oft habe ich (still mit den Zähnen knirschend) vor Kollegen gestanden, die mir gesagt haben: Wenn ich so berichte oder solche Fragen stelle, reden die nie wieder mit mir.

    Das Gegenteil ist richtig: Man erwirbt sich Respekt, wenn man nicht jeden Quatsch kolportiert, der einem von einem Interessenträger in den Block diktiert wird.

    Aber Sie haben natürlich Recht: Nach dem deutschen Presserecht gehört die Pressefreiheit nicht dem Chefredakteur und schon gar nicht dem Lokalchef. Sie gehört dem Verleger. Aber ich mag mich nicht wiederholen (Blogtext von 2014): https://www.bsjk-berlin.de/gefahrlich-harmloser-journalismus

  14. Pingback: Umleitung: VW, Hass, Flüchtlinge, Drohnenpiloten, Fußballmuseum Dortmund und die Abstimmungen der heimischen Bundestagsabgeordneten zu Asyl und VDS. | zoom

  15. Cooler Artikel. Gute Anregung es mal zu reflektieren.
    Ich liebe meine Lokalzeitung.
    Ich halte meine Lokalzeitung für sehr wichtig. Viel wichtiger, als es die Lokaljournalisten tun.
    Lolajournalisten sind die zukünftigen immens wichtigen Mitgestalter.
    Lokaljournalismus ist ein Teil der Direktdemokratie.
    Lokaljournalismus befeuert in Zukunft Projekte der Bürger.
    Es initiiert sinnvolle Projekte.
    Lokaljournalismus ist in Zukunft dual: pro und kontra.

    Es unfaßbar viel…wenn es sich traut es zu sein. Projektmanager für brennende Probleme.