Satire, manchmal widerlich

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Der Satiriker Martin Sonneborn hat der Nachrichtenagentur dpa am Mittwochmittag in einem Interview gesagt, in der Titanic-Redaktion wäre ein Anschlag wie der von Paris gar nicht möglich. Da gebe es nur sechs Mitarbeiter. Die Titanic selbst lud etwas später in einem eigenen Beitrag (“In eigener Sache“) zu einer Pressekonferenz ein. Dort böte sich nicht nur die Möglichkeit, eine Satire-Redaktion auszulöschen, sondern auch die gesamte deutsche Lügenpresse.

Das kam bei vielen nicht so gut an. Es gab empörte Reaktionen, was ja verständlich ist, denn natürlich ist es nicht ganz die feine Art, mit Witzen zu reagieren, wenn gerade zwölf Menschen ermordet worden sind.

Nun ging es in Paris aber nicht um ein normales Gewaltverbrechen. Es war ein Anschlag auf eine Satire-Redaktion, die so offenbar zum Schweigen gebracht werden sollte. Die Frage ist: Wie reagiert man auf so etwas, wenn man selbst eine Satire-Redaktion ist?

Eine Möglichkeit wäre Betroffenheit. Tiefe Trauer. Schwarzes Logo auf der Seite. Das wäre wahrscheinlich ganz im Sinne der Täter, die ja Angst verbreiten möchten. Sie wollen einschüchtern, denn sie wollen erreichen, dass sich in Zukunft niemand mehr über ihre Religion lustig macht.

Das geht natürlich zu weit. Da sind sich alle einig. Witze über ihre Religion müssen sie akzeptieren. Das gehört eben zur Demokratie. Wir selbst haben ja auch kein Problem mit Späßen über unsere Religion. Der Fall scheint ziemlich eindeutig.

Aber wenn es um Witze über das Attentat geht, dann hört der Spaß auf, denn das ist geschmacklos, überhaupt nicht lustig und bei allem Sinn für Humor doch wirklich widerlich. Und genau hier liegt das Problem.

Manchmal ist Satire auch dann richtig gut, wenn man selbst sie widerlich und geschmacklos findet. Wenn Satire immer gefällig, bekömmlich und gut verdaulich wäre, dann wäre es Comedy. Und das wird oft verwechselt. Dabei muss Satire nicht mal komisch sein. Im Prinzip ist sie nur ein unbequemes Mittel, um sich gegen Macht welcher Art auch immer zur Wehr zu setzen.

Unglücklicherweise gehört auch dazu, dass man sie ertragen muss, wenn man sie selbst geschmacklos, dumm und unerträglich findet. Das kann ganz schön nerven. Aber es lässt sich nun mal nicht ändern. Und um noch mal auf Paris zurückzukommen: Wer jetzt nach dem Attentat findet, Satire sollte alle Freiheit haben, der sollte möglicherweise noch mal nachdenken, bevor er irgendwo ins Internet schreibt: “Satire gut und schön. Aber das hier geht ja wohl eindeutig zu weit.”

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3 comments

  1. Lieber Ralf, auf den Punkt getroffen! So isses wohl. Cheers, Uschi

  2. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 2 in 2015 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2015

  3. den grössten dienst haben allerdings die attentäter selbst der satire gemacht, nie war sie so sehr in aller munde…