Das fliehende Klassenzimmer

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So ein Moment auf der re:publica. Auf der Bühne Markus Beckedahl Netzpolitik.org-Gründer und einer der Organisatoren. Thema seines Vortrags: „Die Netzgemeinde ist am Ende.“ Das Gemurmel wird leiser. Es soll jetzt losgehen.

„Ja, hallo. Ich hoffe, das WLAN funktioniert.“

Unverständliche Zwischenrufe. So richtig funktioniert es offenbar nicht.

„Na, tut mir leid, dann müsst ihr uns zuhören.“

Ein bisschen Gelächter, aber dann scheint es irgendwie doch zu gehen mit dem WLAN. Markus Beckedahl beginnt zu reden, Blicke senken sich wieder auf die Geräte.

Überall Tablets und Smartphones, einige haben ein MacBook auf dem Schoß. Die Tür hinten steht offen, weil auch mitten im Vortrag immer wieder Leute reinkommen, zögernd stehenbleiben und sich setzen oder sich umdrehen und wieder gehen. So ungefähr müssen Albträume von Gymnasiallehrern aussehen.

Ich selbst bin auch noch nicht ganz sicher, ob ich hier bleibe oder hoch gehe. Oben auf Bühne 6 sollen Juliane Leopold von BuzzFeed Deutschland und Max Hoppenstedt vom Motherboard-Magazin den Journalismus von morgen erklären. Also dann doch da hin.

Irgendwie ist das natürlich schrecklich, wenn die eine Hälfte im Publikum apathisch nach unten schaut und ständig irgendwer rausgeht. Andererseits ist es auch nur vernünftig, denn es gibt ja nichts Beknackteres, als einfach nur dazubleiben und sich zu langweilen, obwohl man gerade festgestellt hat, dass das hier doch nichts für einen ist.

Das Programm hilft einem da auch nicht weiter, denn es steht natürlich nicht drin: Hält nicht das, was der Titel verspricht.

Bei einem Panel über die Zukunft des Journalismus hätte man sich so was natürlich denken können. Dass keiner so richtig sagen kann, wie es weitergeht, ist ja gerade das Problem. Max Hoppenstedt und Juliane Leopold können also auch nur erklären, was sie in ihren Redaktionen so machen. Aber das wissen viele schon.

Das Gespräch tröpfelt so dahin. Hinten lösen sich ein paar Leute und verschwinden, was vor Bühne 6 noch leichter ist, denn hier gibt es keine Tür, nur eine Treppe nach unten.

Für die nächsten Kongresse kann man sich vielleicht schon mal merken: Immer, wenn es um Storytelling und neue Journalismusformen geht, kommt am Ende raus: Man braucht einfach gute Geschichten. Und das ist im Prinzip schon alles.

Juliane Leopold formuliert das diesmal so: „Wer Formate braucht, hat keine Inhalte.“ Und jetzt schauen noch mehr Leute auf ihr Smartphone, denn der Satz ist natürlich wie für Twitter formuliert.

Anja Rützel hat vor ein paar Tagen mal für die Wired die fünf schrecklichsten Konferenz-Twitter-Typen erklärt. Ich selbst muss einer davon sein, trotzdem gefällt mir der Text, denn wenn man nicht gerade auf einer Konferenz rumsitzt, stimmt das natürlich alles.

Donnerstagmittag, Bühne 6. Thema: „Sind Youtuber ‚wachstumsgeile Kommzerhuren‘?“ Es war unwahrscheinlich, dass die Diskussion mit der Feststellung endet: „Ja, natürlich.“ Aber irgendwie hatte ich mir das doch anders vorgestellt, und dann schrieb Kathrin Passig.

Ich also raus, Treppe runter, und da stehen gleich so viele Leute vor einem Raum, in den ich gar nicht wollte, dass ich auch kurz um die Ecke schaue. Auf der Bühne drei Frauen. Das Thema hier: „Zehn Dinge, die Europa von Kenia lernen kann.“ Ein sehr toller Vortrag, witzig, überraschend. Hätte ich sonst wahrscheinlich nie entdeckt. Das muss so was wie Serendipity sein.

Und das andere ist eben das, worum es hier eigentlich in jedem Vortrag irgendwie geht: die Vernetzung. Inzwischen starren die Leute im Publikum ja auch bei Industrietagungen auf ihre Mobilgeräte, aber da doch eher verstohlen und in der Hoffnung, dass schon niemand was sagen wird.

Oft muss man die Smartphones aber eh wieder in die Tasche stecken, weil es weder Netz noch WLAN gibt, worüber die Veranstalter manchmal auch ganz glücklich sind.

Am Donnerstagmittag erzählt Marco Petracca von seinen zermürbenden Erfahrungen mit deutschen Industrieunternehmen. Sein Vortrag heißt: „Online? Bringt uns nichts.“ Es geht um eine Welt die sich ändert, und mittelständische Unternehmen, in denen sich Dinge nur sehr langsam ändern lassen. Die vielleicht zentrale Feststellung lautet: Nicht die Technik ist das Problem, sondern die Kultur.

Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass Handys als eine Art Yuppie-Attitüde verschrien waren. Wenn es der Öffentlichkeit klingelte, wurde der mit dem Ding in der Hand schief angesehen. Und wenn gelegentlich Bilder aus Japan gezeigt wurden, wo die Menschen sich ganz ungeniert auf der Straße anriefen, schob man das eben auf die verrückten Japaner. Jetzt ist es hier genauso.

Ein paar Jahre später gibt es nicht mehr ganz so viele Menschen, die das Telefonieren in der Öffentlichkeit pauschal verteufeln. Man musste sich dran gewöhnen. Es gibt ein paar unausgesprochene Regeln. Telefonieren im Kino konnte sich nicht durchsetzen, aber es ist sehr schwer geworden, in einem Café in der Stadt mit einem Telefongespräch Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es sei denn, man versucht es über Lautstärke.

Und dann nahmen die Leute ihren Smartphones irgendwann mit aufs Podium. Vor drei Jahren hat Johannes Ponader mal versuchsweise live aus Günther Jauchs Sendung gewittert. Das kam nicht so gut an, was vielleicht auch an anderen Dingen lag. Aber man kann so etwas ja auch wirklich vernünftig nutzen.

Mittwochabend. Letzter Vortrag. Der Social-Media-Recht-Jahresrückblick mit den Anwälten Henning Krieg und Thorsten Feldmann. Henning Krieg hat ein Smartphone in der Hand. Auf einer Folie steht sein Twitter-Name. Wer eine Frage hat, kann ihm schreiben. Wer irgendwas loswerden möchte, muss nicht durch den Saal rufen, was ja auch Vorteile hat. Kommentare liest Krieg auch mal vor. Und es gibt ja auch Menschen, die was Interessantes zu sagen hätten, aber ungern vor so vielen Leuten sprechen.

Natürlich ist das ein anderes Verständnis von Vortrag. Man liest ja immer, Journalisten müssten sich daran gewöhnen, nicht mehr nur Sender zu sein, sondern jetzt auch Empfänger. Vielleicht trifft Referenten das gleiche Schicksal.

Es fällt auch nicht allen Referenten leicht, sich einzugestehen, dass das, was sie da machen, auch Unterhaltung ist. Im Jahresrückblick Social Media sieht man ganz gut: Es funktioniert sogar mit Rechtsthemen. Die Fluktuation ist sehr gering, und erstaunlich wenige Leute schauen auf ihre Mobilgeräte. Aber das liegt vielleicht auch damit, dass sie beim Bullshit-Bing0 gewinnen wollen.

Das sind alles so Dinge, die einem wahrscheinlich gar nicht mehr auffallen, wenn man seit Jahren zur re:publica fährt. Aber möglicherweise ist das auch der einzige Vorteil, den es hat, in den letzten Jahren nicht da gewesen zu sein.

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