Der Kandidat des Königs

FacebookTwitterGoogle+

Matthias Pauqué möchte Oberbürgermeister von Bonn werden. Er kommt aus Bayern, daher kennt man ihn in Bonn noch nicht ganz so gut. Der Bonner Generalanzeiger hat ihn kurz vorgestellt. Den Text habe ich am Ende verlinkt, aber erst wollte ich noch etwas erklären, denn es ist so: Wenn Matthias Pauqué die Wahl am 13. September gewinnen sollte, hätte er ganz schön viel zu tun.

Pauqué möchte die Steuern senken, Arbeitsplätze schaffen, für sichere Renten sorgen, den Sport fördern, das Bildungssystem umkrempeln. Und das alles als Oberbürgermeister. Außerdem hat er vor, die Sache mit den Gemeindefinanzen neu zu ordnen, den Hebammen etwas Gutes zu tun, und Nahrungsmittel in Bio-Qualität sollen in Bonn in Zukunft kostenlos sein. So steht es auf dem Flyer, mit dem Pauqué seine Kandidatur bewirbt.

Das klingt schon mal sehr gut, ist aber noch lange nicht alles. Den Rest erfährt man, wenn man sich auf die Internetseite des Konvents zur Reformation Deutschlands begibt, einer Bewegung, für die Pauqué als parteiloser Kandidat antritt und die mit dem Spruch „Wir reden nicht nur drüber – wir tun es“ dafür wirbt, die Systemstrukturen in Deutschland grundlegend zu erneuern.

Anfangen soll alles in Bonn, aber wenn man die 77 Thesen so liest, in denen der Konvent seine Absichten formuliert hat, erkennt man sehr schnell, dass es hier keineswegs nur um Bonn geht, sondern eigentlich um die ganze Welt.

Der Konvent möchte neue Banken (These 8) aufbauen, ein neues Währungssystem schaffen (These 10), die Ursachen für die Flüchtlingsströme beseitigen (These 18), Hebammen retten (These 20), sich für die Einhaltung der schöpferischen Ordnung (These 23) einsetzen, die „Abschaffung gemeingefährlicher Organisationen (IWF, Weltbank, CIA und andere)“ durchsetzen (These 34), und wenn man noch etwas weiterliest, kommt man irgendwann zu These 42. Da geht es um ein neues Parlament, das der deutschen Bundesregierung die Arbeit abnehmen soll.

„Die Bundesregierung im Parlament macht keine gemeinwohlorientierte Politik. Aus diesem Grunde fordern und schaffen wir ein eigenes Parlament, welches als Opposition zur Bundesregierung die staatlichen Tätigkeiten zur Organisation des gemeindlichen Zusammenlebens leistet. Wir wollen damit zukünftig die Regierungstätigkeiten der Bundesregierung durch ein Parlament ersetzen, welches das Wohl aller Menschen im Sinne hat.“

Anfang August hat Matthias Pauqué in der Bonner Fußgängerzone Unterschriften gesammelt, die er brauchte, um zur Wahl zugelassen zu werden. Geholfen hat ihm dabei Peter Fitzek, der selbst an keiner Wahl teilnehmen muss, weil er auf einem alten Krankenhausgelände in Wittenberg (die Thesen) einfach einen eigenen Staat ausgerufen hat, dessen Oberhaupt er nun ist.

Die Zeremonie seiner Krönung kann man sich bei Youtube ansehen. Peter Fitzek nennt sich wahlweise Oberster Souverän, Imperator Fiduziar oder einfach König von Deutschland. Bevor er König wurde, hatte er unter anderem eine Videothek.

Der MDR hat eine halbstündige Dokumentation über das bizarre Königreich gedreht, in dem es zeitweise sogar eine eigene Krankenversicherung und eine eigene Bank gab. Um seinen Staat zu finanzieren, soll Peter Fitzek von seinen Untertanen mehrere hunderttausend Euro eingesammelt haben.

Wo das Geld geblieben ist, ist nicht ganz so klar.

Die Königliche Reichsbank, die Fitzek im September 2013 in der Wittenberger Fußgängerzone eröffnet hatte, musste im Jahr darauf wieder schließen. Die Idee mit der eigenen Krankenversicherung fand die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nicht ganz so gut. Deswegen gibt es die Krankenversicherung ebenfalls nicht mehr.

Mittlerweile weiß Fitzek auch, dass sein selbst ausgestellter Führerschein auf den Straßen rund um das neun Hektar große Staatsgebiet keine Gültigkeit hat. Im April verurteilte ihn ein Gericht wegen Fahrens ohne gültige Fahrerlaubnis. Fitzek ist so etwas egal. Er verbucht auch das als Sieg und vor allem als Indiz dafür, dass es sich bei der gegenwärtigen Staatsform um die einer Bananenrepublik handelt. Nach der Gerichtsverhandlung fuhr er mit dem Auto nach Hause.

Das Königreich befindet sich mittlerweile in der Abwicklung, aber im Internet existiert es weiter. Dort nimmt Fitzek Artikel der „Systempresse“ auseinander, in denen es um Matthias Pauqués Kandidatur in Bonn geht, und in denen fälschlicherweise auch Fitzeks voller Name genannt wird („Der Familienname wird von Uns (sic!) nicht mehr verwendet, ähnlich wie bei der Queen oder dem Papst“).

Aber warum ausgerechnet Bonn?

Die Frage beantwortet Fitzek in seiner Korrektur des Berichts aus der Abendzeitung. Im letzten Absatz schreibt er:

„(…) Erst durch eine Bürgerbefragung, ein Bürgerbegehren und dann durch einen Bürgerentscheid würde die Autonomie oder der Beitritt zum Königreich Deutschland möglich sein.“

Wenn sich Bonn also dem Königreich anschließen würde, könnte so auch finanziell das ein oder andere Problem gelöst werden. Und ganz nebenbei: Zufälligerweise hat in Bonn auch die BaFin ihren Sitz.

Man könnte das alles ganz witzig finden, aber die Frage ist natürlich: Wie ernst muss man so etwas nehmen?

Jörg Rademacher, beim NRW-Innenministerium als Sprecher für den Verfassungsschutz zuständig, sagt, die Gruppe um Fitzek sei ideologisch in der Nähe der Reichsbürgerbewegung zu sehen, die das Deutschland in den Grenzen von 1937 gern zurück hätte, weil sie der Auffassung ist, dass die Bundesrepublik im Grunde gar nicht existiert. Offiziell hat ja nie jemand die Weimarer Republik abgeschafft. Das Grundgesetz lehnen die Reichsbürger daher ab.

Ich fragte Rademacher, ob er Fitzek und seine Leute denn in der Tendenz eher für gefährlich oder für harmlos hält. Er sagte: „Das Wort harmlos würde ich in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Harmlos sind sie vielleicht in dem Sinne, dass sie keinen Einfluss haben.“

Ein Problem sei auch, dass zu diesen reichsbürgernahen Gruppen mitunter Menschen gehörten, „die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. Salopp gesagt: Querulanten“, sagt Rademacher.

Es gebe da zum Beispiel eine Handreichung an die Behörden, in der geraten werde, mit diesen Menschen gar nicht zu diskutieren. „Die leben so in ihrer Vorstellungswelt, dass sie mit für uns vernünftigen Argumenten gar nicht zugänglich sind”, sagt Rademacher.

In dem Artikel aus der Abendzeitung über Matthias Pauqué hat Peter Fitzek insgesamt 38 Fehler gefunden. Der Schluss liegt nahe: „Die Mainstreampresse lügt immer“, schreibt er. Matthias Pauqué ist seinem Ziel, Oberbürgermeister von Bonn zu werden, schon etwas näher gekommen. 430 Unterstützer-Stimmen brauchte er, am Ende hatte er 460.

Ach ja, und wie gesagt, der Bonner Generalanzeiger hat auch schon ein kleines Porträt veröffentlicht. Das wäre das hier.

FacebookTwitterGoogle+

Flattr this!

2 comments

  1. Er muss Erfolg gehabt haben, denn ich hab heute meine Briefwahlunterlagen erhalten und ganz unten taucht der komische Herr Pauqué auf.
    Wenigstens sind nicht auch noch Kandidaten von NPD oder Pro-NRW dabei. Wobei mich gerade letzteres wundert, weil doch hier in der Straße wieder Pro-NRW Plakate hängen. Ganz weit oben natürlich, weil sie sonst schon nicht mehr hier hängen würden.
    Zur letzten Wahl hatte jemand unter einige dieser Plakate eigene Plakate mit Sprüchen wie “Lügner haben lange Leitern” gehängt… aber ich schweife ab…

  2. Pingback: linksammlung vom 31.08.2015