Das Primat des Weglassens

Joachim Widmann hat keine große Lust auf lahmen Lokaljournalismus. Geht mir auch so. Das klang hier sicher schon mal durch. Ich habe hier ja auch schon öfter erklärt, was mich so stört. Joachim Widmann hat das jetzt in Form der zehn Gebote des Lokaljournalismus getan. So steht es über seinem Text auf kress.de. Und das wäre eigentlich ein guter Grund gewesen, den Text nicht zu lesen. Aber weil ich so neugierig bin, habe ich dann doch die ersten Absätze überflogen, und da steht, dass die Form nicht ganz ernst gemeint ist. Das hat mich etwas beruhigt.

Jedenfalls Folgendes: Im Prinzip bin ich Widmanns Meinung. Jetzt wiederhole ich mich schon im zweiten Absatz. Aber genau das ist der Punkt. Sobald man das Wort “Lokaljournalismus” zusammen mit den Wörtern “Thesen” oder “Zukunft” liest, ahnt man: Jetzt kommt gleich wieder die Sache mit der kritischen Haltung, den Anzeigenkunden und der Unabhängigkeit.

Als Lokaljournalist sitzt man dann entweder da und fühlt sich nicht angesprochen, weil man denkt: Gut, im Prinzip ist das so. Aber bei uns hier in der Stadt läuft das alles ein bisschen anders.

Oder aber man würde gern etwas ändern und fragt sich, wie man das auf die Schnelle machen soll. Wenn man den Leuten im Schützenverein erzählt, wir machen jetzt ab morgen alles anders, kritisch und so, werden die das zur Kenntnis nehmen. Aber sobald man die Tür hinter sich zugeschlagen hat, lachen die sich tot.

Die ganze Kultur ist versaut. Das kann ein Einzelner nur sehr schwer ändern.

Zu Gebot eins und zwei: Verlautbarungen.

Ich vermute mal, dass es in den meisten Lokalredaktionen eher nicht so ist, dass man sich morgens fragt: Pressekonferenz. Gut, den ganz normalen Scheiß wie immer? Oder machen wir ein Porträt mit Reportage-Elementen?

Allein an dieser einen Veranstaltungsform Pressekonferenz hängt ein ganzer Anhänger voll mit Problemen.

Die Frage „Gehen wir da überhaupt hin?“ wird oft gar nicht gestellt, weil schon das Wort Pressekonferenz einen so offiziellen Schimmer verbreitet, dass kein Redakteur sich traut, einfach mal zu sagen: Das sparen wir uns. Je kleiner das Dorf, desto größer das Problem. Das verstehen natürlich auch Parteien und Vereine, und sobald sich dieses Wissen verbreitet hat, führt das dazu, dass freitagsmorgens oft zeitgleich fünf Pressekonferenzen stattfinden, weil alles am Samstag in die Zeitung soll, die Redaktion zu Pressekonferenzen garantiert jemanden schickt – und wenn sie jemanden geschickt hat, immer auch schreibt.

Nun aber zu dem Problem, das Widmann kritisiert. Üblich ist, dass nach der Pressekonferenz einfach all das aufgeschrieben wird, was die Offiziellen zu berichten hatten. Und wenn man nachher Artikel und Pressemitteilung nebeneinanderlegt, entsteht manchmal der Eindruck, dass der Journalist seine Aufgabe vor allem darin gesehen hat, den Text der Pressestelle möglichst kunstvoll zu paraphrasieren.

Ich habe das auch schon gemacht. Und während ich das tat, war mir bewusst, dass das nicht gut ist. Aber die Alternative in diesem Moment war nicht: Pressemitteilung wegwerfen und selbst eine fundierte Analyse schreiben. Dazu bräuchte man ja erst mal so etwas wie Ahnung. Und um sich die anzueignen, braucht man ein bisschen mehr Zeit als die viereinhalb Minuten, die für den Wikipedia-Artikel draufgehen.

Diese Zeit ist aber gar nicht eingeplant. Und hier käme jetzt meine Gegenthese: Das Meiste, was Joachim Widmann fordert, lässt sich so gar nicht umsetzen, wenn nicht mal irgendwer anfängt, in Lokalredaktionen das Gerücht zu kolportieren, dass auch Recherchezeit Arbeitszeit ist.

Tatsächlich ist es eher so, dass die Arbeitszeit in Zeilen gemessen wird. „Wie? Nur 50 Zeilen geschrieben heute? Was hast du denn den ganzen Tag gemacht?“

Das Lob in der Konferenz fällt nicht auf den, der mit etwas Recherche, viel Mühe und drei längeren Gesprächen eine wichtige Nachricht ausgegraben hat. Die Bewunderung trifft den, der es auf magische Weise geschafft hat, tausend Zeilen Text in einer Ausgabe unterzubringen.

Die Zeitung muss voll werden. Jetzt wiederhole ich mich schon wieder. Aber das ist das Hauptproblem. Nicht die fehlende Distanz, der zu kurze Atem oder die mangelnde Offenheit. Es sind die leeren Seiten in der Zeitung.

Deshalb glaube ich, dass die richtigen Adressaten für zehn Gebote gar nicht die Journalisten sind, die dann am Ende in den Pressekonferenzen sitzen.

Und dann die Sache mit dem Image. Meine Erfahrung ist: Erzähle jemandem, dass du Lokaljournalist bist, und er wird dich für einen Idioten halten. Neulich hat mich ein Kollege, der für eine überregionale Tageszeitung arbeitet, in einer Runde als Lokaljournalist vorgestellt. Später hat er sich dafür entschuldigt.

Ich selbst finde nichts Schlimmes daran, Nachrichten und Geschichten aus der näheren Umgebung aufzuschreiben. Aber das verbreitete Bild sieht ja eher so aus, dass das die Leute sind, die bestellt werden können, wenn man ein Gruppenfoto braucht. Und meistens werden sie eben in den Kleingarten und zu den Taubenzüchtern bestellt.

Vielleicht muss die Frage erst mal lauten: Wie wird man dieses Image los?

Meine Vermutung ist, dass ungefähr hier eine nicht ganz unwichtige Ursache dafür liegt, dass junge Menschen mit Lokaljournalismus nicht viel anfangen können. Er ist gnadenlos unsexy.

Ein erster Lösungsvorschlag wäre: Man müsste sich mal damit beschäftigen.

Mein Kollege Jörg Homering-Elsner und ich sammeln, wie einige vielleicht wissen, Perlen des Lokaljournalismus. Jeden Tag schicken Kollegen und Zeitungsleser Dutzende neuer Ausschnitte mit den unglaublichsten Fehlern. Korrekturen sehen wir nur selten, was natürlich auch daran liegen kann, dass sie nicht geschickt werden. Ich glaube allerdings, es gibt meistens einfach keine, weil das natürlich die Lösung des Problems ist, die in der Vergangenheit auch immer funktioniert hat. Man erwähnt es einfach nicht. Dann wird es schon bald wieder vergessen sein.

Aber das Image ist jetzt da, es ist recht dominant geworden, und es wird vermutlich bleiben. Mittlerweile wäre es wichtig, sich von diesem Trotteljournalismus zu distanzieren. Dann und wann spricht es mal jemand an, aber es kommt mir doch vor wie in dieser Sparkassen-Werbung, wo am Ende der Chef sagt: „Wir machen das mit den Fähnchen.“

Dabei gäbe es ja gute Beispiele, wie man mit einem so verkorksten Image umgehen kann.

Die Bausparkasse LBS zum Beispiel hat das Problem, dass man sie und ihre Kunden für ziemlich langweilig hält, gelöst, indem sie sich in ihrer Werbung ironisch, aber auch recht selbstbewusst dazu bekannt hat, eben die Bausparkasse der Spießer zu sein.

Lokalzeitungen dagegen kämpfen weiter gegen den Dorftrottel-Ruf, indem sie ihre eigene Bedeutung ins Unermessliche überhöhen. Auftrag im Grundgesetz. Vierte Macht im Staat. Und dann kommt so was dabei raus.

Ein Redakteur alleine kann das aber auch nicht lösen. Er braucht ja erst mal eine Vorstellung davon, was der Verlag überhaupt will. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber oft ist das ja gar nicht so klar. Viele Redakteure, die seit Jahren auf einem Schiff mit der Flagge „Journalismus“ segeln, haben ja mit der Zeit schon ein Gefühl dafür bekommen, dass es in Wirklichkeit um Convenience-Content für Anzeigenkunden geht.

Ich kann ganz gut verstehen, dass Journalisten resignieren und an gewissen Stellen auf Kritik verzichten, wenn sie an der einen Front gegen die Spendenfoto-Wünsche und Geheimhaltungsdiktate der Anzeigenkunden kämpfen und an der anderen Front gegen den eigenen Laden.

Da kann man dem Redakteur dann raten: Sei kritisch! Sei offen! Sei flexibel! Aber ohne die Rückendeckung des Arbeitgebers wird er doch nur der Trottel bleiben, der gegen Ende der Woche anruft, um noch mal nachzuhaken. Wenn es tatsächlich mal heikel wird, trifft man sich mit dem Verlagsgeschäftsführer, und der regelt dann schon, dass nichts in der Zeitung steht.

Dabei geht jetzt vielleicht ein bisschen der Eindruck verloren, dass ich Joachim Widmann eigentlich schon zustimme. Man braucht das ja alles. Kritische Journalisten. Distanzierte Journalisten. Gut informierte Journalisten. Aber so etwas kann nur in einer Umgebung gedeihen, die das zulässt und fordert.

Anders als Widmann glaube ich nicht, dass Lokaljournalisten das Zeitproblem selbst lösen können, indem sie ihre Woche schon mal vorplanen. Natürlich sind sie auch selbst schuld. Wenn man in Lokalredaktionen von anderen Journalisten hört, die eine Woche an einer Geschichte recherchieren, ist die Reaktion entweder ein verzweifeltes: „Das würde ich auch gern.“ Oder ein: „Pah! In der Zeit schreib ich fünf Geschichten.“

Deshalb würde sich in vielen Redaktionen wahrscheinlich auch nicht viel ändern, wenn es plötzlich zwei Redakteure mehr gäbe. Es ist ein Kulturproblem. Es fehlt das Verständnis für gründliche Recherchen, weil es dann natürlich an Output mangelt. Drei schnelle Geschichten sind immer besser als eine gute. Es regiert das Primat der Quantität.

Also was tun, wenn die Leute sich nicht mehr für die Lokalberichterstattung interessieren? Vollkommen klar: Wir verkaufen zwei Seiten mehr.

Es gibt Städte mit 30.000 Einwohnern, in denen jeden Tag acht Lokalseiten erscheinen. Um die zu füllen, braucht man entweder zehn Reporter, eine irre Fantasie oder ein Postfach voller Pressemitteilungen.

Es ist ja vielleicht ganz schön, wenn man beim Frühstück noch drei Seiten mehr ungelesen wegblättern kann, aber am Ende führt es nicht dazu, dass die Leute im Bus über die wichtigsten Themen aus der Zeitung diskutieren, sondern dazu, dass man von irgendwoher den Satz hört: „Steht wieder nix drin im Käseblatt.“

Aber selbst, wenn es in dieser Stadt tatsächlich irgendwann nicht mehr acht, sondern nur noch drei Lokalzeitungsseiten gäbe, sich ein verrückter Verleger fände, der bereit wäre, bei dem Umfang mehr als einen Redakteur zu beschäftigen, so dass man Geschichten auch mal zu Ende recherchieren und im Zweifel nicht drucken könnte, wäre ein anderes Problem noch immer nicht gelöst: Es klingt natürlich sehr gut, über Pressekonferenzen mal ganz anders zu schreiben, ein Gruppenporträt mit Reportage-Elementen mitzubringen und die Perspektive zu wechseln, aber Lokaljournalismus bedeutet eben auch: Nach einem Jahr wiederholt sich alles. Und spätestens bei der fünften Pressekonferenz des örtlichen Energieversorgers wird man feststellen: Es gibt nicht unendlich viele Möglichkeiten, alles anders zu machen.

Nach meiner Erfahrung steht dann irgendwann wieder einfach die Nachricht in der Zeitung, weil es am Ende ja vor allem darum geht. Und hier habe ich eine Schleife eingebaut. Jetzt könnte man im Text wieder nach oben springen.

Stichwort Quantität.

Oft sind die Dinge eben nicht so offensichtlich wie der Zusammenhang zwischen der schlechten Ausstattung des Jugendheims und den trinkenden Jugendlichen vor der Tankstelle. Meistens ist es eher so, dass man viel telefonieren und lesen muss, bevor einem überhaupt erst mal irgendetwas auffällt. Und wenn im Terminkalender morgens eine Pressekonferenz steht und nachmittags eine, wird man die Hintergründe auch mit der besten Auffassungsgabe nicht sehen.

Man bräuchte so etwas wie ein Primat des Weglassens, damit mehr Platz für das Wesentliche bleibt. Aber das Dilemma ist: Je mehr man weglässt, desto wahrscheinlicher wird das Szenario, in dem irgendwann der Verleger mit der Neuigkeit in der Redaktion steht, dass man in Zukunft nicht mehr ganz so viele Schreibtische braucht.

Also geht alles erst mal so weiter. Und eigentlich fallen mir auch nur zwei Lösungen ein: Entweder, man verpflichtet die Verleger gesetzlich dazu, die eigene Lokalzeitung jeden Tag von vorne bis hinten zu lesen. Oder wir versuchen es weiter mit Thesen.

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Ruhm posthum: Wie die Lepra-Gruppe sich auflöste

Ich war ein bisschen aufgeregt, denn man weiß ja nie, wie jemand reagiert, dessen ärgerlichen Aussetzer man als Titel für ein Buch verwendet hat. Findet der das auch so witzig wie man selbst? Ist der womöglich sauer? Ich war mir nicht sicher, aber dann habe ich einfach angerufen, denn ich wollte wissen, wie das damals war mit dieser Meldung: Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst.

Lepra-Gruppe

Vor ein paar Tagen ist unser Buch erschienen. Seitdem fragt ständig jemand, wie solche Fehler denn passieren können. Eigentlich muss man ja sehen, dass da etwas nicht stimmt, wenn man so eine Meldung vor sich auf dem Bildschirm hat. Und es stimmt ja auch. Eigentlich muss man das sehen. Aber manchmal sieht man es eben nicht.

Ich hatte einen alten Kollegen aus meiner Zeit als Volontär in Steinfurt angerufen. Der nannte mir einen Namen, wo ich mich mal melden sollte. Die Kollegin könnte das wohl gewesen sein, sagte er. Also rief ich da an, ließ mich durchstellen und schilderte mein Anliegen. Kurze Pause. Stille.

„Die Lepra-Gruppe, ja. Das ist jetzt aber auch schon Jahre her“, sagte die Kollegin – nicht so, als hätte sie gerade auf meinen Anruf gewartet, aber auch nicht unfreundlich.

Dass ihre Überschrift im Netz ziemlich bekannt geworden ist, hat sie eher am Rande wahrgenommen. Und das Buch, ja, da habe mal jemand was erzählt. Aber auch nichts Genaues. Dann stellte ich ein paar Fragen.

Ich wollte wissen, wer das überhaupt war, diese Lepra-Gruppe. Und das hatte sie noch ziemlich gut vor Augen. Ein paar ältere Frauen, die sich im Horstmarer Stadtteil Leer regelmäßig zur Handarbeit trafen, die Ergebnisse dann auf einem Basar verkauften und den Erlös an die Lepra-Hilfe gaben.

Später stellte ich fest: Ich hätte das auch einfach googeln können. Aber mir erschien das, als wäre es schon Jahrzehnte her. Doch es sind gerade mal drei Jahre.

In diesem sieben Jahre alten Artikel ist das Problem absehbar. Die Gruppe sucht Nachwuchs. Das älteste Mitglied ist 96 Jahre alt. Vier Jahre später kommt in der Steinfurter Redaktion die Nachricht an, dass die Lepra-Gruppe ihre Arbeit eingestellt hat. Am Tag darauf steht es in der Zeitung, nur eben etwas anders formuliert.

Dass man die Formulierung auf der Titelseite auch anders verstehen kann, als sie gemeint war, fiel der Kollegin erst auf, als es ihr jemand erklärte. Auch daran erinnert sie sich noch. Aber wie so etwas passiert? Schwer zu sagen.

Die Kollegin ist jedenfalls nicht alleine. Dieser Ausschnitt stammt aus dem ostfriesischen General-Anzeiger. 
Lepra-Kreis

Wahrscheinlich ein grundsätzliches Problem mit Homonymen, also Wörtern, die gleichzeitig unterschiedliche Dinge bezeichnen. Wie man sie versteht, hängt davon ab, in welchen Zusammenhängen man die Wörter normalerweise hört.

Wenn man zum Beispiel in Langenargen am Bodensee Menschen auf der Straße fragt, wo ihre minderjährigen Kinder so ihre Ferien verbringen und die Antwort immer wieder lautet: “Bierkeller”, muss man sich keine Sorgen machen, und auch die Leute in Langenargen werden das nicht tun, denn Bierkeller ist dort der Name eines Ortsteils.

Ungefähr so könnte es auch in dem Fall hier gewesen sein.

“Sag mal, was fällt dir zum Thema Kotzen ein?”

“Natürlich Bergwandern.”

Kotzen

Vielleicht liegt die Erklärung aber auch viel näher, denn manchmal steht man einfach auf dem Schlauch. Oft wird einem so etwas einen Moment oder ein paar Stunden später schlagartig klar – als Journalist meistens genau eine Minute nach Redaktionsschluss.

So gegen Ende unseres Telefonats sagte die Kollegin: “Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich natürlich einfach geschrieben: Lepra-Gruppe hört auf.”

Vollkommen ungefährlich wäre jedenfalls die Überschrift des Original-Artikels gewesen, auf den die Meldung “Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst” verweist. Den habe ich dann auch noch gefunden. Das wäre der hier:

Lepra-gruppe-original

 

Den Namen der Kollegin nenne ich übrigens nicht, weil genau das ja immer die Geschichten sind, die man dann später jahrelang bei Google findet. Und dazu könnte man zum Beispiel mal Frank Mill fragen.

Frank Mill

 

 

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Blendles neuer Korb

Zeitungsverlage sind ein bisschen wie Supermärkte, die ausschließlich Präsentkörbe verkaufen. Wenn man einen Liter Milch haben möchte, bekommt man immer noch Brot, Wurst, eingelegte Gurken und irgendwelchen anderen Kram dazu, den man wahrscheinlich gar nicht gebrauchen kann.

Das einzige Symbolbild bei 123rf, auf dem sowohl ein Korb als auch eine Zeitung zu sehen sind. Urheber: hayatikayhan / 123RF Lizenzfreie Bilder

Dass man nicht einfach ein Stück Käse kaufen kann, liegt vor allem an zwei Dingen: Erstens sehen die  Supermärkte in den Präsentkörben ihre große Stärke, zweitens möchten sie dieses einträgliche Modell auch nur ungern aufgeben, denn es ist natürlich viel lukrativer, wenn Kunden gleich einen ganzen Korb voller Lebensmittel mit nach Hause schleppen, als wenn sie nur eine Packung Milch mitnehmen. Außerdem bliebe man auf den eingelegten Gurken am Ende womöglich sitzen.

Ungefähr so stellt sich die Situation auf dem Zeitungsmarkt dar.

Wenn man ganz viel Pech hat und zum Beispiel im Einzugsgebiet der Oelder Glocke lebt, muss man das E-Paper einen ganzen Monat lang abonnieren, um einen einzigen Artikel lesen zu können. Auf jedem anderen Markt würden die Kunden das für einen Scherz halten. Auf dem Zeitungsmarkt lassen sie so was offenbar mit sich machen.

In dieser Woche hat der Zeitungskiosk Blendle aufgemacht, und es könnte sein, dass sich damit einiges ändern wird. Nicht innerhalb von Wochen, aber vielleicht auf Dauer und möglicherweise auch für die Glocke in Oelde, denn wenn Leser sehen, dass es auch anders geht, werden sie sich irgendwann fragen, warum ausgerechnet sie so schlecht behandelt werden.

Blendle verkauft Artikel aus Zeitungen und Magazinen einzeln. Den Gründer Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping ist damit die Lösung für ein Dilemma gelungen, das sich über Jahre scheinbar nicht lösen ließ. Verlage mussten sich entscheiden zwischen den Einnahmen oder der Reichweite. Wer sich für die Einnahmen entschied, bekam am Ende oft gar nichts.

Es gibt schon ein paar sehr gute Texte zu den vielen Vorteilen und einigen Nachteilen, die Blendle mit sich bringt.

Stefan Niggemeier macht zum Beispiel darauf aufmerksam, dass ein Problem bleibt, solange Verlage ihre Texte bei Blendle verkaufen, dann aber trotzdem irgendwann kostenlos ins Netz stellen. Wer sie gekauft hat, könnte sich ärgern, wenn er sie als Gratis-Link findet. Die Krautreporter lassen sich aus ähnlichen Gründen gerade einzäunen. Andererseits könnte man die 89 Cent, die man für ein Zeit-Dossier zahlt, aber auch als Preis dafür verstehen, dass man die Artikel eine Woche früher bekommt.

Felix Schwenzel kritisiert, dass Blendle auf Links verzichtet. Benjamin O’Daniel hat die Artikelpreise analysiert. Er vermutet, dass die Unterschiede schwer vermittelbar sein werden. Ich schätze, da wird sich aber auch noch etwas ändern.

Blendle wird vermutlich keine Zeitung und kein Magazin retten. Es ist ein Zusatzgeschäft, und im schlechtesten Fall könnte die App ein Spielzeug für ein paar Zeitungsnerds bleiben. Aber der Dienst ist aus einem anderen Grund wichtig, denn er ist aus einer Richtung gedacht, die Veit Dengler, CEO der Schweizer NZZ-Mediengruppe, in einem Gastbeitrag für den Spiegel vor Kurzem so beschrieben hat.

Der Fokus für das Geschäftsmodell muss daher weg vom Produkt – egal ob Zeitung oder Website – hin zum Fokus auf den zahlenden Kunden und dessen Bedürfnisse.

Bislang sah man im Fokus des regionalen Geschäfts vor allem den Verlag und seine Bedürfnisse. Die Glocke in Oelde zum Beispiel verlangt für ihr Digital-Abo 18,40 Euro im Monat. Für den Leser ist das Abo-Modell eigentlich nur von Nachteil. Er könnte sich auch Morgen für Morgen am Frühstückstisch entscheiden, ob er Zeit findet, die Zeitung zu lesen. Aber die Verlage haben sich an das Abo-Modell gewöhnt, denn es erleichtert die Planung natürlich enorm. Und mit diesem Modell haben sie sich an ein Qualitätsbewusstsein gewöhnt, dessen oberste Maxime der Satz ist: Die Seiten müssen irgendwie voll werden.

Viele Leser lassen sich das gefallen, weil sich an der Qualität der Todesanzeigen über die Jahre nicht so viel geändert hat und man die behagliche Gewohnheit, die ein wesentlicher Produktbestandteil der Lokalzeitung ist, auch weiterhin geliefert bekommt.

Was aber, wenn man sich nicht mehr per Abo-Kündigung komplett gegen dieses Produkt entscheiden muss, von dem man Teile ja weiterhin gern hätte, sondern wenn man bei einzelnen Artikeln mal einfach sagen kann: Für diesen Mist hätte ich gern mein Geld zurück?

Bei Blendle geht das, denn da entscheidet man erst nach dem Lesen, ob einem der Artikel das Geld wirklich wert war. Allerdings passt das sehr schlecht zu dem Präsentkorb-Denken, wo man Zeitunglesern Pressemitteilungen, Gefälligkeiten für Anzeigenkunden und mit einem Anruf recherchierte Geschichten unterjubelt, weil man darauf setzt, dass sie in der Masse der Artikel schon nicht weiter auffallen werden. Die meisten Leser sind ja eh zu bequem, sich wegen so was zu melden.

Blendle wird diese Praxis nicht ändern, aber vielleicht doch die Bereitschaft, dieses selbstbezogene Geschäftsdenken zu akzeptieren. Und so wird immer deutlicher, dass auf der einen Seite die Medienunternehmen stehen, die versuchen, ihren Nutzern bei Facebook entgegenzukommen, die schauen, ob Blendle sich lohnen könnte, die versuchen das zu liefern, was die Kunden sich wünschen. Auf der anderen Seiten stehen Firmen, deren Devise sich ganz gut mit dem Satz umschreiben lässt: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.

Die Zeitung ist natürlich noch immer ein Präsentkorb. Das ist einer der unschlagbaren Vorteile, die sie gegenüber den zahllosen Filterblasen hat, in denen Menschen durchs Netz schleichen. Aber die Einsicht, dass Journalisten ihre Filterhoheit verloren haben, führt auch zu der Erkenntnis, dass der Korb nur noch ein Vorschlag sein kann.

Blendle hilft sogar dabei, diesen Korb zusammenzustellen. Man kann sich Benachrichtigungen schicken lassen, wenn die Lieblingsautoren irgendwo etwas geschrieben haben. Und das hat ein bisschen was von einem Treppenwitz, denn dank dieser Funktion kann man Zeitungen und Magazine jetzt endlich auch lesen wie Blogs.

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Der Kandidat des Königreichs Deutschland

Matthias Pauqué möchte Oberbürgermeister von Bonn werden. Er kommt aus Bayern, daher kennt man ihn in Bonn noch nicht ganz so gut. Der Bonner Generalanzeiger hat ihn kurz vorgestellt. Den Text habe ich am Ende verlinkt, aber erst wollte ich noch etwas erklären, denn es ist so: Wenn Matthias Pauqué die Wahl am 13. September gewinnen sollte, hätte er ganz schön viel zu tun.

Pauqué möchte die Steuern senken, Arbeitsplätze schaffen, für sichere Renten sorgen, den Sport fördern, das Bildungssystem umkrempeln. Und das alles als Oberbürgermeister. Außerdem hat er vor, die Sache mit den Gemeindefinanzen neu zu ordnen, den Hebammen etwas Gutes zu tun, und Nahrungsmittel in Bio-Qualität sollen in Bonn in Zukunft kostenlos sein. So steht es auf dem Flyer, mit dem Pauqué seine Kandidatur bewirbt.

Das klingt schon mal sehr gut, ist aber noch lange nicht alles. Den Rest erfährt man, wenn man sich auf die Internetseite des Konvents zur Reformation Deutschlands begibt, einer Bewegung, für die Pauqué als parteiloser Kandidat antritt und die mit dem Spruch „Wir reden nicht nur drüber – wir tun es“ dafür wirbt, die Systemstrukturen in Deutschland grundlegend zu erneuern.

Anfangen soll alles in Bonn, aber wenn man die 77 Thesen so liest, in denen der Konvent seine Absichten formuliert hat, erkennt man sehr schnell, dass es hier keineswegs nur um Bonn geht, sondern eigentlich um die ganze Welt.

Der Konvent möchte neue Banken (These 8) aufbauen, ein neues Währungssystem schaffen (These 10), die Ursachen für die Flüchtlingsströme beseitigen (These 18), Hebammen retten (These 20), sich für die Einhaltung der schöpferischen Ordnung (These 23) einsetzen, die „Abschaffung gemeingefährlicher Organisationen (IWF, Weltbank, CIA und andere)“ durchsetzen (These 34), und wenn man noch etwas weiterliest, kommt man irgendwann zu These 42. Da geht es um ein neues Parlament, das der deutschen Bundesregierung die Arbeit abnehmen soll.

„Die Bundesregierung im Parlament macht keine gemeinwohlorientierte Politik. Aus diesem Grunde fordern und schaffen wir ein eigenes Parlament, welches als Opposition zur Bundesregierung die staatlichen Tätigkeiten zur Organisation des gemeindlichen Zusammenlebens leistet. Wir wollen damit zukünftig die Regierungstätigkeiten der Bundesregierung durch ein Parlament ersetzen, welches das Wohl aller Menschen im Sinne hat.“

Anfang August hat Matthias Pauqué in der Bonner Fußgängerzone Unterschriften gesammelt, die er brauchte, um zur Wahl zugelassen zu werden. Geholfen hat ihm dabei Peter Fitzek, der selbst an keiner Wahl teilnehmen muss, weil er auf einem alten Krankenhausgelände in Wittenberg (die Thesen) einfach einen eigenen Staat ausgerufen hat, dessen Oberhaupt er nun ist.

Die Zeremonie seiner Krönung kann man sich bei Youtube ansehen. Peter Fitzek nennt sich wahlweise Oberster Souverän, Imperator Fiduziar oder einfach König von Deutschland. Bevor er König wurde, hatte er unter anderem eine Videothek.

Der MDR hat eine halbstündige Dokumentation über das bizarre Königreich gedreht, in dem es zeitweise sogar eine eigene Krankenversicherung und eine eigene Bank gab. Um seinen Staat zu finanzieren, soll Peter Fitzek von seinen Untertanen mehrere hunderttausend Euro eingesammelt haben.

Wo das Geld geblieben ist, ist nicht ganz so klar.

Die Königliche Reichsbank, die Fitzek im September 2013 in der Wittenberger Fußgängerzone eröffnet hatte, musste im Jahr darauf wieder schließen. Die Idee mit der eigenen Krankenversicherung fand die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nicht ganz so gut. Deswegen gibt es die Krankenversicherung ebenfalls nicht mehr.

Mittlerweile weiß Fitzek auch, dass sein selbst ausgestellter Führerschein auf den Straßen rund um das neun Hektar große Staatsgebiet keine Gültigkeit hat. Im April verurteilte ihn ein Gericht wegen Fahrens ohne gültige Fahrerlaubnis. Fitzek ist so etwas egal. Er verbucht auch das als Sieg und vor allem als Indiz dafür, dass es sich bei der gegenwärtigen Staatsform um die einer Bananenrepublik handelt. Nach der Gerichtsverhandlung fuhr er mit dem Auto nach Hause.

Das Königreich befindet sich mittlerweile in der Abwicklung, aber im Internet existiert es weiter. Dort nimmt Fitzek Artikel der „Systempresse“ auseinander, in denen es um Matthias Pauqués Kandidatur in Bonn geht, und in denen fälschlicherweise auch Fitzeks voller Name genannt wird („Der Familienname wird von Uns (sic!) nicht mehr verwendet, ähnlich wie bei der Queen oder dem Papst“).

Aber warum ausgerechnet Bonn?

Die Frage beantwortet Fitzek in seiner Korrektur des Berichts aus der Abendzeitung. Im letzten Absatz schreibt er:

„(…) Erst durch eine Bürgerbefragung, ein Bürgerbegehren und dann durch einen Bürgerentscheid würde die Autonomie oder der Beitritt zum Königreich Deutschland möglich sein.“

Wenn sich Bonn also dem Königreich anschließen würde, könnte so auch finanziell das ein oder andere Problem gelöst werden. Und ganz nebenbei: Zufälligerweise hat in Bonn auch die BaFin ihren Sitz.

Man könnte das alles ganz witzig finden, aber die Frage ist natürlich: Wie ernst muss man so etwas nehmen?

Jörg Rademacher, beim NRW-Innenministerium als Sprecher für den Verfassungsschutz zuständig, sagt, die Gruppe um Fitzek sei ideologisch in der Nähe der Reichsbürgerbewegung zu sehen, die das Deutschland in den Grenzen von 1937 gern zurück hätte, weil sie der Auffassung ist, dass die Bundesrepublik im Grunde gar nicht existiert. Offiziell hat ja nie jemand die Weimarer Republik abgeschafft. Das Grundgesetz lehnen die Reichsbürger daher ab.

Ich fragte Rademacher, ob er Fitzek und seine Leute denn in der Tendenz eher für gefährlich oder für harmlos hält. Er sagte: „Das Wort harmlos würde ich in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Harmlos sind sie vielleicht in dem Sinne, dass sie keinen Einfluss haben.“

Ein Problem sei auch, dass zu diesen reichsbürgernahen Gruppen mitunter Menschen gehörten, „die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. Salopp gesagt: Querulanten“, sagt Rademacher.

Es gebe da zum Beispiel eine Handreichung an die Behörden, in der geraten werde, mit diesen Menschen gar nicht zu diskutieren. „Die leben so in ihrer Vorstellungswelt, dass sie mit für uns vernünftigen Argumenten gar nicht zugänglich sind”, sagt Rademacher.

In dem Artikel aus der Abendzeitung über Matthias Pauqué hat Peter Fitzek insgesamt 38 Fehler gefunden. Der Schluss liegt nahe: „Die Mainstreampresse lügt immer“, schreibt er. Matthias Pauqué ist seinem Ziel, Oberbürgermeister von Bonn zu werden, schon etwas näher gekommen. 430 Unterstützer-Stimmen brauchte er, am Ende hatte er 460.

Ach ja, und wie gesagt, der Bonner Generalanzeiger hat auch schon ein kleines Porträt veröffentlicht. Das wäre das hier.

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Der fleißige Kollege PD

Bei vielen Zeitungen der eifrigste Mitarbeiter: pd.

Nachdem ich meinen ersten Text für eine Zeitung geschrieben hatte, blieb noch eine Frage zu klären: “Hast du eigentlich schon ein Kürzel?”

Hatte ich nicht. Hätte man sich natürlich was Tolles ausdenken können. Irgendwas mit Sonderzeichen, statt der üblichen drei Stellen vier, eine Kombination aus großen und kleinen Buchstaben. Aber so schnell fiel mir nichts ein. Der Redakteur sagte: „Dann nehmen wir jetzt RHE.“

So ein Kürzel wird man so schnell nicht mehr los. In der Redaktionskonferenz sagt kein Mensch mehr Peter Meier, denn den Text hat schließlich PEM geschrieben. Steht ja drunter.

Wenn man richtig Pech hat, stellen die Leute sich irgendwann Fragen wie: „Wie heißt OKO noch mal mit Vornamen?“

Für die Redaktionen haben die Kürzel viele Vorteile. Man spart zum Beispiel Kugelschreiber-Tinte, wenn man auf den Terminlisten nicht mehr Sven eintragen muss, sondern nur noch SVE. Sparen wird ja immer wichtiger.

Man spart sich zum Beispiel auch lästige Fragen, weil von den Lesern natürlich niemand weiß, wer FKN ist. Deshalb kann auch niemand FKN anrufen, wenn irgendetwas in seinen Texten unklar geblieben ist.

Ulf J. Froitzheim hat hier mal aufgeschrieben, wie seltsam das mit den Kürzel von außen aussieht, vor allem, wenn man selbst daran beteiligt ist.

Ich bin zwar in einem Punkt nicht ganz seiner Meinung, denn wenn Redaktionen keinen Mitarbeiter zu einem Gospelkonzert schicken, kann das natürlich auch daran liegen, dass irgendwer die bewusste Entscheidung getroffen hat, nicht über dieses Konzert zu berichten. Aber wenn dann hinterher der zugeschickte Pressetext in der Zeitung steht, kann man wohl davon ausgehen, dass es diese Überlegung nicht gab. Insofern hat Ulf Froitzheim dann doch wieder recht.

Welcher Name zu welchem Kürzel gehört, findet man mit etwas Glück im Impressum. Aber oft hat man dieses Glück nicht, und das ist wahrscheinlich nicht immer ganz unbeabsichtigt.

In den ersten Monaten bei der Zeitung hatte ich großen Resepekt vor dem Kollegen mit dem Kürzel PD. Die Texte und Fotos, die er lieferte, waren zwar meistens nur so mittelmäßig, aber dafür schrieb er oft komplette Seiten voll, manchmal mehrere in einer Ausgabe.

Seltsamerweise traf man ihn nie in der Redaktion, was ich mir dadurch erklärte, dass er ja offenbar immer unterwegs war. Dann musste ich irgendwann ein Foto aus einer Pressemitteilung über einem Text unterbringen. Ich fragte in die Runde: „Was schreib ich denn in den Bildnachweis?“

Irgendwer rief: „PD!“

PD steht für Pressedienst. Das klingt einigermaßen professionell, und so muss man wenigstens nicht unter dem Foto erwähnen, dass der Schriftführer vom Schützenverein die Bilder mit dem Smartphone aufgenommen hat, weil kein Mitarbeiter der Zeitung verfügbar war.

Dem Zeitungsleser bringt das Kürzel gar nichts. Er kann nicht unterscheiden, ob es sich um einen Redakteur, den Mitarbeiter einer PR-Agentur oder den Sohn vom Pressewart des Anglervereins handelt, der den Artikel geschrieben hat.

Wahrscheinlich ist das einigen Zeitungen oder Anzeigenblättern aber auch ganz lieb, denn die drei Buchstaben „RED“ unter allen Texten lassen zumindest noch die theoretische Möglichkeit offen, dass der Kollege Rolf Edinger sich wieder mal die Finger wundgeschrieben hat.

Für den Mantelteil von Regionalzeitungen arbeiten übrigens weder RED noch der ubiquitäre Kollege PD, denn da ist ja Detlev Pasczinski (dpa) zuständig. Der schreibt manchmal die ganze Zeitung zu, und das sieht natürlich auch doof aus.

In Wirklichkeit ist dpa nämlich die Deutsche Presse-Agentur. Aber das sollen die Leser gar nicht überall wissen. Eine Zeitung aus Stangenware. Wie sähe das denn aus?

Deshalb verwendet man einfach den Autorennamen und lässt den Arbeitgeber weg. Die dpa-Texte werden ja schließlich auch von Menschen geschrieben.

Natürlich ist es nicht automatisch ein Ausweis für Qualität, wenn hinter dem Autorennamen unter dem Artikel ein Mensch steckt, der tatsächlich bei diesem Medium angestellt ist. Aber wenn nicht mal diese Voraussetzung erfüllt ist und die Zeitung schon die Information über den Autor vernebelt, will ich eigentlich gar nicht mehr wissen, wie der Rest des Textes zustandegekommen ist.

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Wassim gegen den Dämon

Kaffeepause, und irgendwer sagt, inzwischen seien es ja sogar schon drei Anschläge. Frankreich, Kuweit, jetzt noch Tunesien. Amoklauf am Strand. Viele Tote. Mehr wisse man auch noch nicht. Und mehr will man am liebsten auch gar nicht wissen, aber das lässt sich natürlich nicht vermeiden. Der Schleier hängt jetzt über diesem Nachmittag, der eigentlich sehr schön begonnen hatte.

Nicht ganz scharfes Smartphone-Bild vom TEDx-Publikum in Münster. Foto: Heimann

Nicht ganz scharfes Smartphone-Bild vom TEDx-Publikum in Münster. Foto: Heimann

Es ist die dritte TEDx-Konferenz in Münster. Freunde von mir hatten vor drei Jahren die Lizenz für den kleinen Ableger der großen TED-Konferenzen bekommen. Da mussten sie mir noch erklären, was das ist. Menschen sprechen zehn Minuten lang über Ideen, die es wert sind verbreitet zu werden.

„Ideas worth spreading“. Eigentlich ganz einfach.

Die ersten beiden Konferenzen waren schon fantastisch, und das lag auch daran, dass sie natürlich nicht mit den Vorträgen enden – und meistens auch nicht vor Mitternacht.

Nun denkt man zwischendurch an den 11. September 2001, als immer neue Nachrichten kamen und das Ausmaß der ganzen Katastrophe erst langsam Konturen bekam. Es sollen jetzt knapp 30 Tote sein in Tunesien, sagt einer. Die Kaffeepause ist zu Ende. Weiter geht’s. Alle wieder rein. Dritte Runde. Sechs kurze Vorträge.

Als der erste endet, wartet ein junger Mann schon neben der Bühne. Jeans, Jackett, dünner Bart. Wassim Zoghlami, ein junger Tunesier. Titel seines Vortrags: „Social data mining to fight terror.“

Wassim lächelt, als er auf das kleine Podest steigt, aber wenn man ihm zuhört, ahnt man, dass ihm das gerade nicht leicht fällt. Eigentlich hätte er etwas Humor unterbringen wollen, erzählt er. So etwas ist ja oft ganz hilfreich, um die Leute bei der Stange zu halten, wenn es um ein sperriges Thema wie Terror geht. Aber das entfällt jetzt. Stattdessen: eine Schweigeminute.

"Wir werden diesen Dämon bekämpfen, und wir werden ihn los." Wassim Zoghlami bei seinem Vortrag auf der TEDx Münster.

“Wir werden diesen Dämon bekämpfen, und am Ende werden wir ihn los sein.” Wassim Zoghlami bei der TEDx Münster. Foto: Peter Schlegel

“Mit dem Anschlag auf das Musée Bardo in Tunis hat keiner gerechnet. Und jetzt passiert es wieder. Wir werden den Dämon bekämpfen, und am Ende werden wir ihn los sein. Je suis Tunisie”, sagt Wassim.

Dann erzählt er, wie er das machen will, und was er nicht sagt: Vor zwei Wochen wusste er noch gar nicht, dass er heute hier stehen würde. Das erzählt später Carina Schmid, eine der TEDx-Organisatoren und Geschäftsführerin der Organisation The Global Experience. Bei ihr in Berlin macht Wassim, studierter Informatiker und preisgekrönter Jungunternehmer, gerade ein Praktikum. Vier Monate lang. Seit zwei Wochen ist er da.

Es war eher Zufall, dass Carina Schmid von der Idee erfuhr. Wassim erwähnte sie irgendwann abends am Rande. Carina Schmid fragte nach. Wassim erzählte etwas mehr, und Carina Schmid sagte: “Darüber musst du sprechen – nächste Woche bei der TEDx.” Am gleichen Abend – es war schon spät – rief sie die anderen aus dem Organisationsteam an, um sie davon zu überzeugen, eine Woche vor der Konferenz noch das Programm zu ändern, aber das war nicht so schwer. Und jetzt steht er hier.

Auf der Leinwand über Wassim erscheint ein Tweet in arabischer Sprache. Er ist ein paar Tage vor dem Anschlag im Musée du Bardo gesendet worden, und offenbar hätte man etwas ahnen können, wenn man den Tweet schon vorher gefunden hätte.

“Da bin ich neugierig geworden”, sagt Wassim.

Der Projektor wirft eine Abbildung an die Wand, die ein bisschen Ähnlichkeit hat mit einem feinen Wollknäuel. So seien die ISIS-Sympathisanten vernetzt, sagt Wassim. Deren Accounts zu sperren, könne man sich sparen. Die würden sich einfach neue machen.

Aber auf eine andere Weise könnte es gehen. Wassim hat etwas herausgefunden. Die ISIS-Sympathisanten verwenden viele immer gleiche Hash-Tags und Phrasen, um miteinander zu kommunizieren. Über ihm ist jetzt ein Grafik zu sehen.

“Mit relativ simplen Data-Mining-Methoden”, wie Wassim sagt, hat er 50.000 Tweets untersucht.

Die nächste Folie. Das Ergebnis: eine Kurve, die sich im Zickzack-Kurs an einer Zeitachse entlangschlängelt. Wenige Tage vor dem Anschlag sieht man einen deutlich Sprung. Die Aktivität nimmt zu.

“Das sind alles öffentliche Daten”, sagt er.

Vielleicht hätte man mit diesen Daten auch Hinweise auf das Attentat von Sousse finden können. Wassim will das jetzt herausfinden. Er will nicht mehr nur 50.000 Tweets untersuchen, sondern mehrere Millionen.

Am Mittwoch beginnt in Münster das Digital Participation Camp. 90 junge Menschen aus 33 Ländern, die zusammen an digitalen Projekten arbeiten. Wassims “Data Shield Project” ist eines davon.

Es ist ein Open-Source-Projekt. “Wer dabei helfen möchte, kann mitmachen”, sagt Wassim, und das waren auch schon seine zehn Minuten. “Je suis Tunisie”, ruft er noch, dann geht er im Applaus von der Bühne.

Kleiner Nachtrag: 
Carina Schmid hat mich netterweise darauf hingewiesen, dass Wassim auch selbst über das Thema geschrieben hat. Zu finden wäre das hier.

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