Sisyphos und das Los

Menschen fällt es schwer, den Zufall als Ursache zu akzeptieren.

Der Mensch will nicht akzeptieren, dass der Zufall sein Leben bestimmt. Er will ihn beherrschen, und er glaubt seinem Ziel inzwischen sehr nah zu sein. Doch erstens kann er das Ziel nie erreichen, und zweitens kann er das auch gar nicht wollen. 

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hatte als junger Psychologe bei der israelischen Armee einmal die Aufgabe, den Einstellungstest zu verbessern. Bisher hatten Wehrpflichtige die Bewerber eine Viertelstunde lang befragt, sich einen allgemeinen Eindruck verschafft und am Ende ein Urteil gefällt. Doch es hatte sich gezeigt, dass mit den Ergebnissen nicht viel anzufangen war. Man hätte ebenso gut würfeln können.

Kahneman sollte die Prognose verlässlicher machen. Er entwarf einen Fragebogen, mit dem er versuchte, sechs objektive Persönlichkeitsmerkmale der Rekruten zu bestimmen. Ihr Verantwortungsbewusstsein, ihre Umgänglichkeit oder ihren männlicher Stolz. Kahneman formulierte einfache Fragen. Die Merkmale ließ er mit Punkten bewerten. Aus ihnen berechnete er einen Gesamtwert.

Ein paar Monate später zeigte sich, die Ergebnisse waren deutlich verlässlicher. Kahnemans Vermutung hatte sich bestätigt. In dieser Frage war die Statistik der menschlichen Intuition überlegen. Der Algorithmus gewann gegen die Erfahrung – der Mensch gegen den Zufall. 

Viereinhalb Billionen Gigabyte

Daniel Kahneman beschreibt dieses Erlebnis in seinem Bestseller “Schnelles Denken, langsames Denken“, das von den Fallen handelt, die das Gehirn dem Menschen stellt. Vor allem die Intuition ist sehr anfällig. 

Seit Kahnemans Zeit bei der Armee sind über 50 Jahre vergangen. Der Algorithmus ist immer mächtiger geworden. Er schöpft seine Kraft aus den Daten und der Rechenleistung von Computern, und beides wächst in einem atemberaubenden Tempo. 

Man findet noch Begriffe für die Menge der Daten, aber die Vorstellung ist längst verloren gegangen. Viereinhalb Trilliarden Bytes soll es weltweit geben. Viereinhalb Billionen Gigabyte. Viereinbalb Zettabyte. Eine Zahl mit 21 Nullen. In den nächsten fünf Jahren soll sie sich verzehnfachen.

Das Datenuniversum ist so groß geworden, dass auch Algorithmen an ihre Grenzen stoßen. Aber sie erschließen sich immer größere Gebiete, und sie sind mehr und mehr in der Lage, scheinbar unerklärliche Dinge zu erklären.

Der Mensch hofft, dass sie ein kleines Fenster in die Zukunft öffnen, das Leben berechenbarer machen und dem Zufall seinen Schrecken nehmen. Wo der Zufall wirkt, herrscht Unsicherheit, und das kann der Mensch nicht ertragen. 

Der Laplacesche Dämon

Von Zufällen spricht der Mensch immer dann, wenn etwas passiert, aber keine Ursache zu erkennen ist. Das kann zwei Möglichkeiten haben. Entweder die Ursache ist tatsächlich nur nicht zu erkennen, oder es gibt keine. 

Die zweite Möglichkeit hielt der Mensch bis vor 90 Jahren für ausgeschlossen, denn das Universum stellte er sich wie ein Uhrwerk vor.

Der Mathematiker Pierre-Simon Laplace formulierte im 18. Jahrhundert den Gedanken, dass ein mit allen Naturgesetzen und Kräften vertrautes Wesen (der Laplacesche Dämon) theoretisch in der Lage sein müsste, alles zu berechnen, was jemals auf derWelt passieren wird. 

Albert Einstein sah das noch ganz ähnlich. Er beschrieb sein Weltbild mit den Worten: “Gott würfelt nicht.“ An echten Zufall glaubte er nicht.

Die Quantenphysik hat das in Frage gestellt. In den kleinsten Sphären gibt es offenbar keine Regeln, die der Mensch sich erschließen könnte. 

Wirft man einen Stein in die Luft, lässt sich anhand seiner Geschwindigkeit und der Gesetze der Schwerkraft relativ genau vorhersagen, wo er landen wird. In der Sphäre der Elementarteilchen ist das nicht möglich, weil sich nicht mal der Ort und die Geschwindigkeit des Teilchens gleichzeitig bestimmen lassen. 

Der Mensch kann nicht alles berechnen

Diese Entdeckung des Physikers Werner Heisenberg, die nach ihm benannte Heisenbergsche Unschärfe-Relation hat den Blick auf die Welt verändert. Sie hat gezeigt: Der Mensch kann nicht alles berechnen. Auch theoretisch nicht. An dieser Erkenntnis gibt es kaum Zweifel.

Es gibt Modelle, die annehmen: Da sind Variablen dahinter, die wir noch nicht genau kennen. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass diese Modelle richtig sind“, sagt der Mathematiker Matthias Löwe von der Universität Münster.

Löwe erforscht Formeln, die den Zufall beschreiben, was zunächst paradox klingt, denn ein Wesensmerkmal des Zufalls ist ja gerade, dass er Ergebnisse ohne jede Ordnung hervorbringt. Doch der Eindruck täuscht.

Anfangs stiftet der Zufall heilloses Chaos, aber je länger man ihn wirken lässt, desto deutlicher wird eine Ordnung sichtbar.

Es ist nicht so, dass ich bei einem Zufallsexperiment sagen könnte, was passiert. Da bin ich genauso ratlos wie jeder andere. Aber langfristig kann man eine Struktur entdecken. Das ist das Gesetz der großen Zahl. Und ohne das gäbe es keine Wahrscheinlichkeitsrechnung“, sagt Löwe.

Schwarze Schwäne

Der Zufall produziert Gleichmäßigkeit, und das nutzt der Mensch für seine Prognosen. Sein Gehirn macht ihm das nicht gerade leicht. Es kann Wahrscheinlichkeiten nur schwer einschätzen, vor allem, wenn mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Ereignisse, die sehr unwahrscheinlich sind, ignoriert es. 

Unglücklicherweise haben genau diese Ereignisse oft die größten Auswirkungen. Der Finanzmathematiker und Philosoph Nassim Nicholas Taleb nennt sie Schwarze Schwäne. Der Name geht darauf zurück, dass die Existenz dieser Tiere in Europa lange für unmöglich gehalten wurde – bis irgendwer sie ihn Australien entdeckte. 

Die Kühlsysteme der Kernkraftwerke in Fukushima zum Beispiel hätten ein Erdbeben der Stärke 8 ausgehalten. Mit einem stärkeren hatte niemand gerechnet. Dann kam das Tōhoku-Erdbeben im März 2011, das die japanische Ostküste verwüstete. Die Seismographen meldeten: Stärke 9.

Im Rückblick erscheint oft alles so offensichtlich, dass man sich fragt, wie überhaupt irgendwer die Zeichen falsch deuten konnte. Aber man vergisst, dass vorher gar nicht klar war, welche der zahllosen Signale eine Bedeutung haben würden.

Die Ursache ist oft auch gar nicht eindeutig. Als Auslöser der letzten Weltwirtschaftskrise gilt der Kollaps auf dem Subprime-Immobilienmarkt. Tatsächlich führten eine lange Reihe von unglücklichen Umständen in die Rezession. Darunter warenviele Zufälle. 

Die Suche nach dem Sinn

Dem Gehirn fällt es schwer, den Zufall als Ursache zu akzeptieren. Es ist immer auf der Suche nach einem Sinn. Es denkt in kausalen Zusammenhängen, und es stellt sie her, wo es nur geht. Sagt jemand “Dachrinne” und “gebrochenes Bein“, denkt der Mensch: Jemand muss von der Leiter gefallen sein. 

Die selektive Wahrnehmung, also der Hang, nur das zu sehen, was ins Bild passt, zählt zu den wichtigsten Tricks des Gehirns, den Zufall zu leugnen“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein ins seinem Buch “Alles Zufall – die Kraft, die unser Leben bestimmt“.

Der Mensch macht sich die Welt begreifbar, in dem er einfache Zusammenhänge konstruiert. Er denkt in überschaubaren Modellen, aber die können nicht alles erklären.

Dass wir Ausreißer nicht vorhersagen können, bedeutet angesichts ihres großen Anteils an der Dynamik der Ereignisse, dass wir den Lauf der Geschichte nicht vorhersagen können“, schreibt Taleb in seinem Buch „Der Schwarze Schwan“. Wenn die Einflussfaktoren überschaubar sind, gelingen dem Menschen dagegen ganz erstaunliche Prognosen

Algorithmen sagen heute zuverlässig voraus, wie lange Krebs-Patienten noch zu leben haben, welche Kinder für den frühen Kindstod anfällig sind. Sie können abschätzen, wer seine Kredite zurückzahlt oder wie wertvoll Bordeaux-Weine einmal werden. 

Restunsicherheit bleibt immer

Im Jahr 2012 ist es drei Informatik-Studenten aus Birmingham gelungen, mithilfe von Smartphone-Daten zu bestimmen, an welchen Orten Menschen sich zu bestimmten Zeitpunkten aufhalten werden. Die Algorithmen haben Verhaltensmuster identifiziert, und das Leben vieler Menschen ist sehr stark von Gewohnheiten geprägt. 

Doch letztlich ist eine Prognose nur eine Schätzung auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten. Jemand kann seit Jahrzehnten jeden Montagmorgen pünktlich um 9 Uhr in seinem Büro am Schreibtisch sitzen. Wenn er dann aber an einem Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit auf einer Bananenschale ausrutscht und um 9 Uhr im Krankenhaus sitzt, kann das kein Algorithmus ahnen.

Eine Restunsicherheit bleibt immer. Sie wird sich nie ganz ausschalten lassen, und daraus ergibt sich die Gefahr, dass Algorithmen verhängnisvolle Schlüsse ziehen.

In mehreren amerikanischen Gefängnissen sind Software-Programme im Einsatz, die einschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Gefangener wieder in eine Straftat verwickelt werden wird. Kommt die Software zu dem Ergebnis, dass davon auszugehen ist, bleibt der Häftling im Gefängnis. Er wird für ein Verbrechen bestraft, das er noch gar nicht begangenen hat und möglicherweise nie begehen wird.

Algorithmen werden nie menschlich 

Der nächste Schritt wäre, freie Menschen aus Risikogruppen im Namen der Sicherheit zu inhaftieren. Und in Zeiten von Terroranschlägen erscheint der Gedanke noch nicht einmal abwegig.

Der Mensch hat mit den Algorithmen ein sehr mächtiges Werkzeug geschaffen. Er muss sich fragen, wie viel Kontrolle er ihm übertragen will“, sagt der Data Scientist Klaas Wilhelm Bollhöfer.

Deep-Learning-Algorithmen werden dem Menschenschon bald viele Aufgaben abnehmen. Skype hat gerade einen Simultan-Übersetzervorgestellt. Algorithmen sind in der Lage, Objekte zu identifizieren, Gesichter zuerkennen, medizinische Bilder auszuwerten und Diagnosen zu stellen. 

Wir sind heute in der Lage, mathematisch-technische Werkzeuge zu entwickeln, deren Funktionsweise wir oft nicht mehr im Detail nachvollziehen können und von denen wir nicht ahnen, wofür sie später eingesetzt werden“, sagt Klaas Wilhelm Bollhöfer. 

Der Algorithmus lernt immer mehr zu denken wie ein Mensch, aber er wird dennoch nie menschlich.

Er hat keine Zweifel, er zögert nicht, er hat nie einen schlechten Tag, und genau das macht dem Menschen Angst, denn der Algorithmus wächst auch nie über sich hinaus, er vergisst nie die Vernunft, und er kann auch kein Auge zudrücken. 

Wenn der Algorithmus ein Mensch wäre, würde er nie zu lange bleiben, zu viel trinken oder unvernünftig viel Geld ausgeben. Es gäbe in seinem Leben keine Abenteuer. Er würde nie enttäuschen, aber auch nie überraschen. Man würde sagen: Er ist langweilig. 

Mensch hofft auf milde Entscheidungen

Menschlich wäre allenfalls, dass auch ein Algorithmus Fehler macht, wenn ihm schlechte Daten zur Verfügung stehen. Das kann auch dem Menschen passieren, aber er hofft auf sein Bauchgefühl und die Fähigkeit, die Umstände zu erkennen, Fehler zu sehen und sie notfalls zu korrigieren.

Er hofft auf eine milde Entscheidung, auch wenn sie gegen die Regeln ist. Dem Algorithmus traut er das nicht zu. 

Der Psychologe Daniel Kahneman erzählt in seinem Buch von einem weiteren Erlebnis bei der Armee. Während des Jom-Kippur-Kriegs 1973 gab es ein Problem mit zwei Fluggeschwadern. Das eine hatte in den ersten Wochen der Kämpfe vier Flugzeuge verloren, das andere keins. Eine Untersuchung sollte die Ursache ans Licht bringen. 

Daniel Kahneman fand tatsächlich Unterschiede im Verhalten der Piloten. Einige fuhren zwischen den Einsätzen öfter zu ihren Familien. Die Nachbesprechungen verliefen anders. Möglicherweise hatte das Einfluss, und wahrscheinlich wäre es möglich gewesen, die Daten auszuwerten und eine Ursache zu finden.

Kahneman redete den Offizieren die Untersuchung trotzdem aus. Er wollte sie in dieser Situation nicht noch zusätzlich belasten. Er wollte ihnen nicht das Gefühl geben, die gestorbenen Piloten hätten Fehler gemacht. Den Offizieren sagte er, sie sollten die Befragungen einstellen. Sie müssten sich mit den Ergebnissen abfinden. Die Abschussquoten seien reiner Zufall. 

Den Text habe ich im Jahr 2015 für die inzwischen eingestellte Wired Deutschland geschrieben, wo er dann aber nie erschienen ist.  

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Rockstars für einen Urlaub

Im Trailer seines Films braucht Max Meis nur drei Einstellungen, um die ganze Geschichte zu erzählen. Man sieht das Ortsschild des münsterländischen 500-Einwohner-Dörfchens Tönnishäuschen. Man sieht eine durchschnittliche Rockband in ihrem Proberaum. Und als die vier Bandmitglieder sich kurz vorgestellt haben – einer ist Hörgeräteakustiker, einer promovierter Maschinenbauer, einer Bauingenieur –, sieht man genau diese Band auf einer gigantischen Bühne. Die Boxentürme ragen seitlich wie Hochhäuser in den Nachthimmel. Zehntausende von Menschen jubeln. Und über allem leuchtet in überdimensionierten Buchstaben der Bandname: The Ignition.

Eine Hobbyband spielt in China auf ganz großen Bühnen. Wie das passieren konnte, erzählt Max Meis in seinem Dokumentarfilm “Rock China Roll“.

Ich habe von der Geschichte zum ersten Mal im Sommer gehört – bei einem Reporterslam in Münster. Max stand mit einem Zettel auf einer kleinen Bühne und zeigte Fotos von der Reise. 

Nach dem Auftritt sprachen wir draußen vor der Tür miteinander. Max ist freier Journalist und Dokumentarfilmer. Er arbeitet viel für den WDR, und irgendwann fragte ihn da ein Kollege, ob er nicht Lust hätte, eine Band auf ihrer Tournee zu begleiten. Zehn Tage China. Neun Auftritte. Max war skeptisch. Er wollte sich das erst mal ansehen, fuhr abends zum Proberaum. Man redete ein bisschen. Am Ende fragten sie ihn: “Und, kommste jetzt mit?

Danach hing er drin. Er machte ein Crowdfunding. Es kamen über 4000 Euro zusammen. Und dann ging es tatsächlich irgendwann los.

Es könnte eine Kegeltour sein

Der Film fängt da an, wo auch die Reise beginnt. Am Bahnhof. Da stehen die fünf Jungs, vier Musiker und ein Freund, „Mücke“, der als Roadie mitreist und in einem Song einen Auftritt als Gastrapper hat. Es könnte der Beginn einer Kegeltour sein – nur dann würde nach einem zehnstündigen Flug und einem Zwischenstopp im Hotel nicht gleich ein Soundcheck anstehen. Und danach ein Konzert.

Die Band kennt das schon. Es ist ihre fünfte China-Tour. Viel Schlaf bekommen werden sie in den folgenden anderthalb Wochen nicht. Im Schnitt drei Stunden sind es. Aber das ist zwei Wochen lang nicht so wichtig. „Wir erleben hier in neun oder zehn Tagen später mehr als andere in ein oder zwei Leben“, wird Bassist Michael Fischer am Ende des Films sagen. Und da ist man selber schon Fan.

Am ersten Abend treffen sie mitten in Peking, einer Stadt, die sechs Mal so groß ist wie Berlin, den Mann, der sie zwei Jahre zuvor in einem Club abgemischt hat. Einmal schickt jemand, den sie auf einer Tour kennengelernt haben, eine SMS: „Ich hab euch eben im Zug gesehen.“ Nach dem ersten Konzert sitzen sie abends mit einem Mongolen zusammen, der mit ihnen trinkt, inbrünstig singt, und von dem sie später erfahren, dass er in ganz China bekannt ist.

Man hat immer wieder das Gefühl, dass China doch ganz schön klein ist – jedenfalls, wenn es um Musik geht. Und wahrscheinlich hat auch das dazu beigetragen, dass diese Geschichte so überhaupt passieren konnte.

Kulturtechnik des Konzertbesuchs

Ein chinesischer Clubmanager, der in Deutschland aufgewachsen ist, entschlüsselt zwischendurch immer wieder kleine Teile des Mysteriums China. Nach der Olympiade 2008 habe sich sehr viel verändert. Die Jugendkultur, die Musik, man sehe jetzt auch Tattoos. Aber zehn Jahre sind nicht viel. Es beginnt alles erst. Und das merkt man zum Beispiel daran, dass die Zuschauer einfach gehen, wenn die Band den letzten Song des Programms gespielt hat.

Sie sind neugierig, deswegen kommen sie, aber viele sind mit der Kulturtechnik eines Rockkonzertbesuchs überhaupt nicht vertraut. Man muss ihnen zeigen, wie man ein Rockkonzert bedient. Während des Konzerts steht „Mücke“, der Roadie, vor der Bühne und macht vor, wie man zu dieser Musik tanzt. Nach dem letzten Song ruft er: „We want more! We want more!“ Und die Chinesen machen mit.

Wenn die wissen, was die tun haben, dann gehen die richtig steil.“ So sagt es Gitarrist Norbert Brinkmann im Film.

Absprachen über Google Translate

Umgekehrt musste die Band auch erst lernen, wie man das Land bedient – vor allem Sänger Tim Jungmann, der vor sechs Jahren die Idee hatte, als er auf einer Chinareise eine deutsche Wirtin kennenlernte, und der die gesamte Tournee auch heute noch Station für Station durchplant. Per E-Mail, vor Ort dann mit per Telefon. Und das führt zu absurden Situationen.

Irgendwann steht die Band in einer Millionenstadt auf einem großen Platz und wartet auf einen Kontaktmann, der ihnen Bahntickets bringen soll. Sie wären leicht zu finden hier, inmitten von Hunderten Chinesen, aber dann kommt die Anweisung per Telefon. Sie sollen ihn suchen.

Es ist nicht so, dass im Film permanent verrückte Dinge passieren würden. Es ist auch keine unglaubliche Geschichte, die man mit offenem Mund verfolgt. Mich hat vor allem die Kühnheit beeindruckt, mit der die Band sich gegen jede Wahrscheinlichkeit ihren Traum erfüllt.

Sie schrieben notdürtig per Google Translate übersetzte E-Mails an Clubs in Städten, deren Namen sie noch nie gehört hatten, und als sie dann Wochen später ankamen, rechnete man tatsächlich mit ihrem Auftritt. 

Vorband der Toten Hosen

Andere hätten es wahrscheinlich gar nicht erst versucht, weil sie sich sicher gewesen wären, dass so was niemals klappen kann – oder weil sie gedacht hätten, um nach China zu gehen, sind wir in Europa noch viel zu unbekannt. Doch genau das ist offenbar gar nicht so wichtig.

Das Publikum ist heiß auf gute Bands. Das ist denen auch egal, ob man zu Hause bekannt ist. Deswegen ist China jetzt gerade auch so interessant – für alle Bands“,

sagt der chinesische Clubmanager. Und so spielt die Rockband „The Ignition“ aus dem münsterländischen Tönnishäuschen am Ende bei einem Festival auf dieser riesigen Bühne vor Tausenden von begeisterten Chinese. Vor ihnen hat die chinesische Band gespielt, die auch die Toten Hosen als Vorband durch China begleitet.

Es klingt alles ein bisschen wie ein Traum. Nach zehn Tagen ist er dann auch wieder vorbei. Als der Flieger wieder in Deutschland gelandet ist, sagt Tim Jungmann:

Und wenn das dann halt nicht sein, hier in Europa auf die große Bühne zu kommen, dann fliegen wir halt einmal im Jahr nach China.

Am Wochenende lief der Film in einem kleinen Programmkino in Münster. Die Band war da. Am Ende gab es eine kleine Fragerunde. Es war sehr lustig. Hier unten kann man es sich ansehen. 

Im Moment ist “Rock China Roll” leider nicht im Kino zu sehen. Es wäre schön, wenn sich das noch ändern würde. Ich wünsche dem Film ein großes Publikum und dem großen Publikum den Film. Leider weiß ich nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass beide noch zueinander finden. Aber nachdem ich den “Rock China Roll” jetzt gesehen habe, bin ich doch sehr optimistisch. 

Hin und wieder ist der Film in einzelnen Kinos zu sehen. Die Termine sind dann hier auf der Facebook-Seite zu finden – oder auf der Website der Produktionsfirma.

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Ein Spiegel für Zeitungsverlage

Spiegel Daily kostet 6,99 Euro im Monat, einige Tageszeitungen verlangen für ihre Digitalausgabe über 30 Euro.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat vor ein paar Tagen eine ganze Seite für eine Eigenanzeige geopfert, in der sie erklärt, was das geplante Urheber-Rechts-Wissensgesellschafts-Gesetz für die Zeitungen bedeutet.

„Wer (…) künftig nur an einzelnen Texten aus der Zeitung interessiert ist (…), wird nicht mehr auf den Erwerb der Zeitung angewiesen sein. Das Geschäftsmodell der Zeitungen wird dadurch ernsthaft gefährdet.“

So steht es da. Ganz unabhängig davon, ob das nun stimmt (Der Rechtsprofessor Alexander Peukert bezweifelt das), ist so eine Anzeige eine Möglichkeit, sich auf die Zukunft einzustellen. Sich an den Rahmenbedingungen festklammern, um nicht in die blöde Situation zu geraten, den Kunden irgendwann das liefern zu müssen, was sie haben wollen.

Eine andere Möglichkeit ist, umgekehrt vorzugehen. Sich zu überlegen, was gebraucht werden könnte, zu welchem Preis man das verkaufen könnte – und das dann auszuprobieren.

Ich habe Sympathien für diese Variante und daher auch für Spiegel Daily. Den Zeitungsverlagen muss man allerdings zugutehalten, dass sie diesen Schritt eigentlich gehen müssten, um langfristig ihre Existenz zu sichern, aber nicht gehen können, weil sie dann kurzfristig ihre Existenz gefährden würden. In diesem Dilemma befindet sich der Spiegel nicht. Und wenn man sich Spiegel Daily mit diesem Gedanken im Hinterkopf ansieht, ist gar nicht so interessant, ob die Umsetzung wirklich gelungen ist, dann stellt sich eine andere Frage: Was ist von der Tageszeitung übriggeblieben?

Unsichtbare Schwelle bei zehn Euro

Der Spiegel hat die Tageszeitung aus einer Perspektive neu gedacht, die Zeitungs-Verlage sich auch deshalb nicht erlauben können, weil sie sich am Vorhandenen orientieren müssen.

Das fängt schon beim Preis an. Spiegel Daily kostet 6,99 Euro im Monat. Der Preis berücksichtigt, was Menschen im Netz bereit sind, für Inhalte auszugeben. Sogar, wenn man vier Spiegel-Daily-Wochenpässe für 2,49 Euro kauft, bleibt man unter zehn Euro, denn dort verläuft eine unsichtbare Schwelle. An der orientieren sich Spotify oder Netflix. Auch die Bild-Zeitung verkauft ihre digitale Ausgabe für 9,99 Euro im Monat. Meine Tageszeitung in Münster dagegen kostet im E-Paper-Abo 34,50 Euro.

In einem Tageszeitungsverlag fragt man sich nicht: Was wollen die Kunden? Was wären sie bereit zu zahlen? Und was können wir ihnen dafür anbieten?

Dort fragt man: Welche Kosten haben wir? Und wie können wir die auf unsere Abonnenten umlegen, ohne wesentliche Dinge am Produkt verändern zu müssen. Natürlich enthält eine regionale Tageszeitung einen Lokalteil und einen Sportteil. Den hat Spiegel Daily nicht. Aber die Frage wäre, ob irgendwem acht Lokal- und acht Sportseiten zusammen 30 Euro im Monat wert wären. Ich vermute, eher nicht.

Die an sich selbst orientierte Perspektive von Zeitungsverlagen führt zu lauter Entscheidungen zum Nachteil ihrer Kunden. Einige Lokalzeitungen (unter anderem meine in Münster) bieten keine einzelnen E-Paper-Ausgaben an, obwohl das ohne weiteres möglich wäre. Warum? Weil sich das für den Verlag nicht lohnt.

Spiegel Daily bietet ebenfalls keine einzelnen Ausgaben an. Auf 2,49 Euro für einen Wochenpass wird man sich aber unter Umständen noch einlassen. Bei 34,50 Euro wird man schon länger überlegen.

Wofür kann man Geld verlangen?

Auch das Abonnement hatte früher eine andere Berechtigung. Der Deal war: Ihr liefert mir die Zeitung morgens zu einem etwas günstigeren Preis nach Hause. Ich gebe euch Planungssicherheit. Wer ein E-Paper-Abo abschließt, weil es nicht die Möglichkeit gibt, einzelne Ausgaben zu kaufen, gibt dem Verlag Planungssicherheit und zahlt dafür womöglich noch mehr, als er müsste, wenn er nur die Ausgaben kaufen würde, die er lesen wollte.

Eine andere Frage wäre: Für welche Inhalte sind Menschen überhaupt bereit, Geld auszugeben? Für einen Mantelteil, der aus Agenturmeldungen besteht, die so auch im Netz zu finden sind? Für Polizei-Meldungen über Handtaschen-Diebstähle, Terminhinweise des Wandervereins und Fotos von Fahrradtouren des SPD-Ortsverbands?

Vielleicht liegt es nicht an der Kostenlos-Kultur, sondern auch am Produkt. Vielleicht funktioniert das Geschäftsmodell auch deshalb nicht mehr, weil die Zeitungen nicht mehr so viel Marktmacht haben, den Kunden auch Dinge verkaufen zu können, die diese gar nicht haben wollen.

Wer kauft schon einen Gemüsekorb, wenn er nur eine Zwiebel braucht? Theoretisch könnte man den Sportteil separat anbieten, auch den Lokalteil oder das Feuilleton. Technisch wäre das möglich. Warum macht man es nicht? Weil es sich für den Verlag nicht lohnt.

Spiegel Daily hat sich von den klassischen Ressorts verabschiedet. Der Zeitungsredakteur dagegen muss seine Seiten auch dann mit Inhalten füllen, wenn es nichts zu berichten gibt. Das ist für den Leser verlässlich, aber mitunter langweilig. Und es ist eine Restriktion, die nur auf einer gedruckten Seite existiert.

Einer versichert immer: Das lesen die Leute

Hinzukommt, dass viele Dinge nur deshalb in der Zeitung stehen, weil sie schon da waren, man den Lesern Inhalte schwer abgewöhnen kann und sich garantiert immer irgendein Redakteur findet, der versichern kann: Das lesen die Leute.

Warum zum Beispiel gibt es in vielen Tageszeitungen noch immer eine Seite mit von Agenturen gelieferten Service-Meldungen, die für Menschen mit einem durchschnittlichen Bildungsniveau einfach nutzlos sind.

Weil ein Produkt wie Spiegel Daily von der anderen Seite gedacht ist, ergibt sich nicht das Problem, Inhalte aussortieren zu müssen. Sie kommen erst gar nicht in die Auswahl.

Würde man die Bezahl-Angebote vor allem von Regional-Zeitungen auf diese Weise überdenken, käme man vielleicht zu dem Schluss: Einige Inhalte lassen sich nicht mehr verkaufen. Und dann müsste man vielleicht aufhören, sie zu produzieren. Aber solange Kunden sich nicht wehren können, indem sie einzelne Bestandteile nicht mehr kaufen, müssen sie eben das ganze Abo kündigen. Und das wird dann unter Umständen missverstanden.

Dabei hätten regionale Verlage den überregionalen gegenüber ja einen Vorteil. Sie haben Inhalte, die man nicht woanders kostenlos findet. Aber sie haben auch ihre Zwänge. Und möglicherweise müssten sie dann nicht nur ihr Produkt in Frage stellen, sondern die Größe ihrer gesamten Organisation.

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Texte am laufenden Band

Auf der ersten Lokalseite der Westfälischen Nachrichten steht heute ein kurzer Kommentar zur Kriminalitätsstatistik:

“Immer mehr Tatverdächtige sind Ausländer. Das festzustellen, ist nicht ausländerfeindlich – sondern schafft vielmehr die Voraussetzung, ein Problem gezielt – und präventiv – anzugehen. Nicht die Thematisierung, sondern vielmehr die Tabuisierung der Ausländerkriminalität ist falsch.”

Der Grund dafür, dass es als ausländerfeindlich gilt, von Ausländerkriminalität zu sprechen, ist aber nicht falsche politische Korrektheit, sondern einfach die Tatsache, dass das Wort die kriminelle Gruppe, um die es hier geht, nicht gut beschreibt, und somit nur ein Vorurteil bestätigt, nämlich das, dass Ausländer generell eine größere Neigung hätten, kriminell zu werden, was natürlich nicht stimmt.

Die falsche Annahme ist, irgendwer wolle aus guter Absicht unter den Teppich kehren, dass viele Straftaten in Deutschland von Menschen begangen werden, die keinen deutschen Pass haben. In Wirklichkeit geht es aber nur darum, eine Gruppe nicht anhand eines Merkmals zu beschreiben, das überhaupt keine Aussage darüber zulässt, ob jemand kriminell ist oder nicht – auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.

Wahrscheinlich hätten die Zahlen der Kriminalitätsstatistik auch die Schlagzeile hergegeben: 80 Prozent aller deutschen Tatverdächtigen im Münsterland sind katholisch. Diese Zuschreibung würde der Polizei aber keine Hinweise darauf geben, was gegen die Taten dieser Gruppe zu tun ist.

In Münster leben etwa 30.000 Ausländer. Die Stadt hat ungefähr 310.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 9700 Tatverdächtige, 3600 von ihnen hatten keinen deutschen Pass. Knapp 500 der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass stammen aus den Maghreb-Staaten, etwa 260 waren Syrer.

Das ist schon eine etwas genauere Beschreibung, denn unter die Gruppe der Ausländer fielen ja auch die über 1600 Portugiesen und mehr als 1000 Italiener in der Stadt, von denen laut Kriminalitätsstatistik keine größere Bedrohung ausgeht. Doch selbst dann bliebe die Frage: Ist die Nationalität ein aussagekräftiges Merkmal?

Versuchsweise könnte man die Tatverdächtigen aus den Maghreb-Staaten und die Syrer mal in einen Topf werfen, dann schauen, welche Religion sie haben, und am Ende ließe sich vielleicht sagen: 60 Prozent aller ausländischen Tatverdächtigen sind Moslems.

Auch das wäre dann richtig, würde der Polizei aber ebenfalls keine Anhaltspunkte liefern. Eine andere Sache vielleicht schon, denn 1170 der Tatverdächtigen waren Asylbewerber. Alles Ausländer, aber diese Menschen ließen sich auch zu einer anderen Gruppe zusammenfassen, die etwas aussagekräftiger wäre.

Man könnte zum Beispiel sagen: Mindestens ein Drittel aller Tatverdächtigen ohne deutschen Pass hat keine Arbeitserlaubnis.

Und auch das mag in vielen Fällen nicht der Grund für die Straftat gewesen sein, die Tatverdächtige begangen oder eben nicht begangen haben. Es sind ja nur Verdächtige, und zum Anteil der Täter an den Tatverdächtigen ist in der Zeitung nichts zu lesen.

Das möchte ich Martin, der den Artikel geschrieben hat und den ich sehr schätze, gar nicht zum Vorwurf machen. Es geht um etwas anderes.

Ich mag sonst sehr, was Martin so schreibt. Er ist für mich einer der Gründe, diese Zeitung zu lesen. Und wenn man ihm etwas mehr Zeit gegeben hätte, wäre er – da bin ich mir sicher – in der Lage gewesen, ein wenig mehr über Fallstricke und Hintergründe der Kriminalitätsstatistik zu sagen, wie es bei einem so wichtigen und so leicht missverständlichen Thema wie diesem nötig gewesen wäre – und wie Lokalzeitungen es versprechen, ihren Lesern zu liefern.

Aber wenn man die Zeitung vom Dienstag durchblättert, sieht man: Martin hat zu großen Teilen den Aufmacher auf der Titelseite geschrieben.

 

 

Dann noch einen weitere Text über die Kriminalitätsstatistik auf der ersten Lokalseite, dazu den Kommentar links unten.

Er war am Montagmorgen bei einer Pressekonferenz zum Drehstart des neuen Wilsberg-Krimis. Daraus ist ebenfalls ein Aufmacher auf einer anderen Seite geworden.

Und er ist der Autor eines Texts über den Gewinner der Casting-Show “The X Factor”, der in Münster auftreten wird. Auch das ein Aufmacher.

Und sogar, wenn er den letzten Text schon am Montag geschrieben haben sollte, ergibt sich ein anderes Benennungsproblem. Das, was unter diesen Bedingungen entsteht, ist mit dem Wort “Lokaljournalismus” nämlich nur sehr schlecht beschrieben. Denn Journalismus, das würde ja voraussetzen, vor der Veröffentlichung wäre noch irgendetwas überprüft worden – oder der Autor hätte sich vielleicht eine zweite Meinung eingeholt.

Aber so fährt ein Journalist zu einer Pressekonferenz nach der nächsten, und am Ende schreibt er aus Zeitknappheit einfach ungefiltert all das auf, was ihm gesagt und auf Zetteln mitgegeben worden ist. Möglichst etwas paraphrasiert, damit es nicht so aussieht, als hätte er die Pressemitteilung plagiiert. Das ist eher Alltag als Ausnahme, und das kann man natürlich auch so machen. Aber wenn die Zeitung Wert darauf legt, so offen zu sein, dass die Leser wissen, aus welcher Nation mutmaßliche Straftäter stammen, dann sollten ihre Leser vielleicht auch das erfahren.

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Eine Geschichte voller Missverständnisse

Hier ist alles BananeVor drei Wochen haben Daniel Wichmann und ich ein Buch mit dem Titel “Hier ist alles Banane – Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015” veröffentlicht, und seitdem passieren Dinge, mit denen wir so nicht gerechnet hätten. Auf der Facebook-Seite zum Buch melden sich Menschen, die glauben, erkannt zu haben, dass es sich hier nicht um die Original-Tagebücher handelt, sondern ganz eindeutig um eine Fälschung. Und das sieht dann zum Beispiel so aus:

Was für ein Fake
Anfangs haben wir uns noch gefragt, ob das vielleicht eine uns unbekannte Form von Humor sein könnte. Kommt ja im Internet schon mal vor, dass jemand auf einen Witz, den er nicht verstanden hat, mit einem anderen Witz antwortet, den der andere nicht versteht, bis irgendwann keiner mehr was versteht.

Wer hat das denn gefälschtDrogen und Schergen1912 geboren und krebskrank
Wir haben uns das Buch noch mal genau angesehen und Freunde gefragt. Auch von denen hielt es keiner für möglich, dass ein Verlag auf die Idee kommen könnte, Erich Honeckers Original-Tagebücher unter dem Titel “Hier ist alles Banane” herauszugeben. Aber es blieb bei den Hinweisen.

Kann nicht sein
Und wie das immer so ist im Internet: Früher oder später gesellen sich auch jene hinzu, die eine Stinkwut haben und das einfach gerne irgendwie mitteilen möchten.

Warum kaufen?
Aber das stimmt natürlich nicht. Wir wollen niemandem die Intendität nehmen. Wir wissen nicht mal, was das ist. Wir haben auch kein Interesse daran, dass sich unseretwegen irgendjemand Verletzungen zufügt.

Hände abhacken
Im Grunde meinen wir es ja wirklich gut mit den Leuten. Wenn es sein muss, geben wir sogar praktische Tipps.

Zwei Exemplare
Aber das änderte nichts daran: Das Misstrauen blieb.

VermutungenVerkaufen uns für dumm

Tot Spinner
Hinzu kamen Spekulationen und Vermutungen darüber, wie viel von der ganzen Geschichte überhaupt noch wahr ist, jemals wahr war – und Moment, erst die Hitler-Tagebücher, jetzt die von Honecker. Seltsam, seltsam.

VermutungenWahrheit am SchlussHitler-TagebücherHitler
Man muss sich dazu immer vorstellen: Zwischen diesen Kommentaren stehen noch die der Menschen, die sich gar nicht für das Buch oder die Meinungen der anderen interessieren, sondern nur für das freie Textfeld, in das sie ihre Wut kotzen können, was sie dann auch immer sogleich tun.

Irgendwann freut man sich fast über jede nüchterne Feststellung.

LügenpresseFälschung
Und natürlich ist auch mal ein Treffer dabei.

Goldene Nase
Das mit der goldenen Nase können wir nicht ganz abstreiten. Aber noch geht die Farbe meiner Nase eher ins Rötliche, und ich glaube, bei Daniel ist es ganz ähnlich, wenn er mir nichts verschwiegen hat. Jedenfalls sind wir insgesamt doch eher ratlos.

Ich habe das Buch dann noch ein weiteres Mal angesehen und mir vorgestellt, wie jemand bei Facebook auf dieses Bild stößt und denkt: Potzblitz! Da waren möglicherweise Betrüger am Werk.

Hier ist alles Banane
So richtig kann ich es mir nicht vorstellen, aber es scheint doch möglich zu sein. Andererseits kann ich mir auch kaum vorstellen, dass ein ganzes Fünftel der wählenden Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns auf dem Wahlzettel ein Kreuz hinter den Buchstaben AfD macht. Aber dann kamen am Sonntagabend die Hochrechnungen, und auch das scheint ja tatsächlich möglich zu sein.

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Was will Satire an der Grenze?

Immer, wenn jemand wissen möchte, was Satire darf, geht es eigentlich um eine ganz andere Frage, und die lautet: Muss das denn alles wirklich sein?

Schmutzige Witze, Zoten, unappetitliche Beleidigungen. Wer braucht so was? Wenn die Leute schon Witze machen müssen, warum dann nicht wenigstens gute, über die man auch mit der Familie beim Abendessen lachen kann?

Im Januar 2015 sah es für eine Millisekunde so aus, als könnte sich all das jetzt ändern, weil sehr schaurig eindrucksvoll vorgeführt wurde, wie man sich so einen “Angriff auf die Meinungsfreiheit” vorzustellen hat – und dass man dabei im schlechtesten Fall nicht nur von Argumenten getroffen wird.

Kurz schimmerte durch, dass Satire vielleicht zeitweise mit Comedy verwechselt worden war und die gefällige Unterhaltung gar nicht notwendigerweise dazugehört.

Etwas mehr als ein Jahr später ist immerhin hängengeblieben, dass Satire dieses Dings mit Humor ist. Und bei Facebook schreibt man unter das Video mit dem Böhmermann-Gedicht: “Ich bin ja wirklich ein Freund von Satire. Aber darüber kann ich echt nicht lachen. Das ist einfach nur geschmacklos.”

Wer eine Satire danach beurteilt, wie geschmackvoll sie ist,
achtet wahrscheinlich auch beim Kauf eines Werkzeugkastens in erster Linie auf die Farbe. Satire soll vor allem eins: treffen. Und dass Böhmermann das nicht gelungen wäre, hat in den letzten Tagen ja eigentlich niemand behauptet.

Erst hieß es, er habe nur einen draufsetzen wollen, weil es ihm gegen den Strich gegangen sei, dass jetzt alle nur über dieses Extra3-Video sprachen. Dann löschte das ZDF sein Gedicht, und man ahnte warum, wenn man es sich ansah. Die meisten waren sich einig: Das geht wirklich überhaupt nicht. Schließlich sickerte durch: Er hatte das Gedicht in der Sendung in Anführungsstriche gesetzt und sich davon distanziert. Aber das verhallte schnell. Und Erdogan muss man natürlich nichts über Anführungsstriche erzählen.

Ich selbst habe in meinem Leben einige Stunden damit verbracht, Zeitungslesern die Funktion von Anführungszeichen zu erklären und dabei festgestellt: Im Prinzip könnte man sie sich sparen. Tolles Konzept, aber sehr schwer zu vermitteln.

Wer die Wirkung ausprobieren möchte, kann seinem Chef mal bei Gelegenheit sagen: „Ich fühle mich bei Ihnen so wohl, dass ich noch nie gedacht habe: ‚Ich kündige‘“ – und dann bei anderer Gelegenheit den zweiten Teil noch mal isoliert aussprechen. Man wird gleich sehen: Die Reaktionen unterscheiden sich fundamental.

Natürlich ist mal wieder alles viel komplizierter, als man es sich wünschen würde. Auch eine in Gänsefüßchen eingezäunte Bemerkung kann eine Beleidigung sein. Es ist nicht ganz unwichtig, wer etwas sagt und bei welcher Gelegenheit etwas gesagt wird.

Sogar die freundliche Frage „Wie geht’s eigentlich Ihrer Familie?“ kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, ob der Chef sie stellt – oder der Schutzgelderpresser.

Auch in der Sache Böhmermann geht es nun um die Frage, wie das Gedicht zu verstehen ist und ob Böhmermann etwas zu weit gegangen ist. Damit wären wir wieder am Anfang. Muss das alles wirklich sein? Hätte er auf die ganzen Geschmacklosigkeiten nicht einfach verzichten können.

Ja, hätte er machen können. Dieter Hallervordens Lied wäre uns dann wahrscheinlich erspart geblieben, und vielleicht hätte auch Erdogan sich gar nicht mehr gemeldet. Konnte man vorher alles nicht wissen. Aber so hat Böhmermann nun absichtlich oder unabsichtlich – so genau weiß man das ja nicht – eine Grenze aufgespürt, von der man nicht wusste, dass sie so eng gezogen ist.

Den Hinweis auf den Verlauf hatte Erdogan selbst gegeben, als er wegen des harmlosen Extra3-Spaßliedes den deutschen Botschafter einbestellen ließ. Man konnte die Sache irgendwie regeln. Es bestand nie ein Zweifel daran, dass dieses Video vollkommen in den Schutzbereich der Satirefreiheit fällt. Was aber seltsamerweise fehlte, war ein deutliches Wort der Bundeskanzlerin.

Die Extra3-Redaktion war auf irgendwas gestoßen, Böhmermann spachtelte genau dort weiter. Er bearbeitete die empfindliche Stelle, nicht als Privatmann, der großen Spaß daran findet, Menschen Beleidigungen hinterherzuwerfen, sondern als Satiriker, der die Grenzen des Möglichen auskundschaftet, und das nicht nur zu seinem Selbstzweck. Das Gebiet, das er erschlossen hat, steht danach ja auch allen anderen zur Verfügung.

Dass Böhmermann Erdogan nicht ernsthaft beleidigen will, erkennt man mit ein bisschen gutem Willen schon an den Anschuldigungen, die so absurd sind, dass man ihm kaum unterstellen würde, er meine das alles ernst.

Das Gedicht ist einfach, aber die Vorführung sehr ausgeklügelt. Böhmermann konstruiert die größtmögliche Schmähkritik, setzt sie in Anführungsstriche und bringt sich selbst in Sicherheit, indem er sich gleich mehrfach vom Inhalt distanziert. Der türkische Zuschauer kann die Anführungsstriche nicht sehen, auch nicht die Distanzierung, denn mit Untertiteln versehen ist nur das Gedicht selbst.

Paradoxerweise hat das ZDF alles noch viel schlimmer gemacht, indem es das Gedicht aus der Sendung gelöscht hat. Wer sich den Ausschnitt ansehen möchte, findet ihn nicht mehr im Original, aber dafür überall im Internet, herausgelöst aus dem Zusammenhang. Vielleicht wäre es geschickter gewesen, den Rest einfach auch mit Untertiteln zu versehen.

Teil der Vorführung ist, dass der Zuschauer rätselt, was kalkuliert ist und was ungewollte oder unverhoffte Nebenwirkung.

Die Finte mit den Untertiteln spricht dafür, dass Böhmermann auf eine heftige Rückkopplung gehofft hat, die, damit hätte man gerechnet, in der Weite unserer Meinungsfreiheit verklingen würde. Erdogan hätte gleich gesehen, wo seine Grenzen verlaufen, natürlich irgendwo jenseits von Deutschland.

Inzwischen sind die Grenzen in Umrissen zu erkennen, aber es sieht doch etwas anders aus, als viele erwartet hatten, und es könnte sein, dass Böhmermann es geschafft hat, mithilfe eines schmutzigen Gedichts und ein paar glücklichen Zufällen zu zeigen, dass die Grenzen sich leicht verschoben haben.

Es ist der Verdacht entstanden, dass Angela Merkel das ganze Gebiet nicht mehr beanspruchen kann, weil sie sich in eine zweifelhafte Abhängigkeit begeben hat. Hätte Böhmermann sich für ein geschmackvolleres Gedicht entschieden, wäre das wahrscheinlich nie aufgefallen.

Aber es hätte schnell zum Problem werden können. Erdogan ist ja sogar hinter Schülern und Studenten hier, deren Kommentare im Netz er für beleidigend hält. Es hätte auch jemanden aus Deutschland treffen können. Jemanden, den keiner kennt.

Die Frage ist, wie Angela Merkel reagiert hätte, wenn Erdogan sich dann gemeldet hätte. Sie hätte abwägen müssen. Auf der einen Seite die komplizierte Flüchtlingsfrage mit all ihren Unwägbarkeiten, auf der anderen der namenlose Schmierfink aus dem Internet. Das Ungleichgewicht wäre noch etwas größer gewesen.

Wäre die Meinungsfreiheit dieses Mannes genauso viel wert gewesen wie die von Jan Böhmermann? Man würde es hoffen. Aber ist man sich sicher?

Satiriker reizen die Grenzen unter den Augen aller aus. Sie sind ein Maßstab dessen, was man sich erlauben darf. Die Satire ist eine Kunstform, die viel Sinnloses darf, aber damit zwischendurch als Korrektiv sehr nützlich ist. Gelegentlich landen Satiriker mit ihren Späßen vor Gericht, und manchmal erfahren sie da, was sie nicht durften. Aber auch da spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Satire den Richtern gefällt.

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