Lanze für Gewerkschaft bricht völlig überraschend

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Am Freitag wollte eine alte Freundin übers Wochenende zu Besuch kommen. Das wären zwei schöne Tage geworden. Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Aber dann kam am Freitagnachmittag eine SMS. Sie schrieb, sie müsse leider absagen. Ihr Zug sei ausgefallen. Der blöde Bahnstreik.

Weil die Lokführer mehr Geld haben wollen, geht mein schönes Wochenende flöten. Das war so ungefähr mein erster Gedanke. Ich habe mich über die Lokführer geärgert. Das war am Freitag. Mit etwas Abstand denke ich: Vielleicht ja ganz gut, wenn wenigstens ein paar Berufsgruppen so gut organisiert sind, dass sie hin und wieder mal was fordern können. Wir Journalisten kriegen so was ja nicht hin.

Wenn Journalisten streiken, sieht man abends in den Nachrichten ein kleines Grüppchen mit Trillerpfeifen und bunten Plakaten in der Fußgängerzone stehen. Die Grüppchen sind mit den Jahren immer kleiner geworden. Und wenn die Gewerkschaftsbosse dann am Ende ein paar Prozent für alle rausgeholt haben, können sich darüber auch nur die freuen, die das Glück haben, in einem Verlag zu arbeiten, der so nett ist, sich weiterhin an die Tarifabsprache zu halten.

Alle anderen zucken zwei Mal mit den Achseln und setzen dann ihre Arbeit fort, denn was soll man schon machen? Wenn sie keine Tarifverträge mehr zahlen wollen, dann ist das eben so. In dieser Situation noch Ärger machen, kann ja auch gefährlich sein. Nachher ist man seinen Job los. Und das will man ja auch nicht.

Ich selbst habe sieben Jahre lang in einer Redaktion gearbeitet, in der es weder einen Tarifvertrag gab noch einen Betriebsrat. Wir haben öfter darüber nachgedacht, einen Betriebsrat zu gründen. Aber letztlich scheiterte es doch immer an der Frage: Was bringt das schon?

Eine Rolle gespielt hat natürlich auch Angst. Durch den Verlag waberte das Gerücht, der Verleger könne Betriebsräte so wenig ausstehen, dass jeder, der die Tollkühnheit besitzt, sich wählen zu lassen, auf Dauer mit erheblichen Nachteilen rechnen müsse. Andererseits hatten andere Abteilungen längst Betriebsräte, und die konnten das so nicht bestätigen. Es gab sogar Leute, die das Unternehmen verlassen hatten und später wieder eingestellt worden waren. Trotz ihrer Mitgliedschaft im Betriebsrat.

Im Nachhinein frage ich mich, woher diese vorauseilende Angst kam. Und ich frage mich, ob Angst wirklich der einzige Grund dafür ist, dass Journalisten sich so ungeschickt anstellen, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen.

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Journalisten ihren Beruf gar nicht so sehr als Arbeit verstehen. Das Klischee eben: Immer auf der Suche nach tollen Geschichten. Journalist zu sein, das ist für viele ja auch eine Lebenseinstellung. Und das legt man natürlich auch nach Feierabend nicht ab. Würde ja keiner sagen: Okay, es brennt, aber das mach ich jetzt nicht. Ich hab doch Wochenende.

Arbeit dagegen heißt: 40-Stunden-Woche, Stempeln gehen, gegen 17 Uhr lässt man den Stift fallen. Überstunden werden bezahlt.

Journalisten würden gar nicht auf die Idee kommen, so was einzufordern. Hat man ihnen gleich bei der Einstellung gesagt. Ist alles im Lohn enthalten. Journalisten hinterfragen alles kritisch. Nur so was nicht.

Mit dieser Einstellung ist es wahrscheinlich schwer vereinbar, sich mit so bürokratischem Kram wie dem Betriebsverfassungsgesetz rumzuschlagen, denn das ist dann tatsächlich Arbeit. Und am Ende kann man noch nicht mal seinen Namen drunterschreiben.

Die Gewerkschaften haben natürlich nach Kräften geholfen, sich bei jungen Journalisten unbeliebt zu machen. Ich hatte in den vergangenen Jahren oft das Gefühl, am allerliebsten würden sie sich mit den Verlagen darauf einigen, dass alles bleibt wie früher – egal zu welchem Tarif. Irgendwann bin ich aus dem Deutschen Journalisten-Verband ausgetreten.

Vielleicht ist es auch falsch, von DEN Journalisten zu sprechen, denn dass es sie in so vielen Ausprägungen gibt, ist ein Teil des Problems.

Es gibt Print- und Online-Journalisten, obwohl das natürlich eigentlich keiner mehr hören mag. Es gibt feste und freie Journalisten, und manchmal hat man das Gefühl, dass freie Journalisten in dem Moment, in dem sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben, vergessen, dass sie jemals als Freie tätig waren.

Aber auch in den Redaktionen sind die Interessen verschieden. Ich schätze, das ist oft gar kein Zufall. Ein Prinzip, das ich mit den Jahren verstanden habe, ist: Teile und herrsche. Wenn es Redakteure gibt, die so viel verdienen wie Lokführer und andere, die mit Piloten-Gehältern nach Hause gehen, kann man sich schon mal sicher sein, dass die beiden Gruppen sich nicht zusammentun werden.

Die einen haben Angst, dass ihre Verträge aufgelöst und durch schlechtere ersetzt werden. Die anderen sind teilweise befristet beschäftigt, so idealistisch, dass sie glauben, auf Dauer werde sich das schon irgendwie anpassen, möglicherweise auch hoffnungslos, aber in jedem Fall haben sie schlechte Karten, weil sie eben nur einen Teil der Redaktion ausmachen. Ein Streik erübrigt sich damit, denn es gibt ja immer noch zwei, die einspringen könnten.

Bei Lokalzeitungen tritt der Streikfall jeden Sonntag ein. Dann sitzen da ein, zwei Redakteure und kloppen eine Zeitung aus den Texten von freien Mitarbeitern zusammen. Am Montag erscheint das Blatt wie in jeder Woche und man sieht: Es geht auch so.

Die freien Mitarbeiter spielen natürlich auch eine Rolle. Neulich traf ich in der Bahn eine Kollegin, die für eine Lokalzeitung arbeitet. Ich fragte, was die da mittlerweile eigentlich so zahlen. Sie sagte: 13 Cent die Zeile. Aber mit etwas Verhandlungsgeschick könne man den Satz ohne Probleme auf 16 Cent hochhandeln.

Nur mal zum Vergleich: Vor einem Jahr hat ein Journalist den Bonner Generalanzeiger verklagt, weil er da über Jahre 25 Cent die Zeile bekommen hatte. Die Richter am Kölner Landgericht fanden 56 Cent angemessen. An dieser Stelle kommt üblicherweise der Einwand, dass diese Sätze nur für ausgebildete Journalisten gelten, die von ihrer Arbeit leben und die 13 Cent ja vor allem an Studenten gezahlt würden, für die das ja gar kein schlechter Lohn sei.

Die Kollegin aus der Bahn lebt auch davon. Jedenfalls so gut es geht. Und sie ist mit ihrem Zeilenhonorar wahrscheinlich gar nicht so alleine. Der Deutsche Journalisten-Verband hat im April freie Journalisten gefragt, was sie so verdienen. Herausgekommen ist, dass sich das Durschnittseinkommen bei knapp 2200 Euro einpendelt. Brutto. Zeitungsjournalisten kommen da nicht ganz ran. Sie schaffen es gerade auf 1400.

Aber auch die freien Journalisten streiken nicht. Auch sie haben unterschiedliche Interessen. Bei den Lokalzeitungen zum Beispiel gibt es die Studenten, die den schlechten Stundenlohn in Kauf nehmen, weil die Arbeit ihnen immer noch lieber ist als ein Job hinter der Theke. Es gibt Studenten, die ein Volontariat machen wollen. Es gibt professionelle Journalisten, die sich sicher sein können, jeden Tag Aufträge zu bekommen. Und es gibt die Rentner, die das Geld einfach nicht brauchen.

Also bleibt es bei den Dumping-Honoraren. Sie haben sich teilweise seit Jahren nicht verändert, weil es dazu ja auch keinen Anlass gibt.

Die Verlage sind darüber zurzeit natürlich froh. Eine Belastung weniger. Sie nehmen ja auch beim Mindestlohn für sich in Anspruch, wegen ihres schlechten Gesundheitszustands finanziell geschont zu werden. Wie das schiefgehen kann, sieht man gerade bei den Zeitungsboten. Der Blogger Surfguard hat das hier sehr schön beschrieben. Wenn in allen Jobs, in denen man auch ohne Ausbildung arbeiten kann, der Mindestlohn gezahlt wird, dann werden auf Dauer nicht mal mehr die Menschen Zeitungen austragen wollen, die den Job eigentlich gut finden.

Gar nicht so unwahrscheinlich, dass so was auch in den Redaktionen passieren wird – oder wahrscheinlich längst passiert. Es gibt Journalisten, die nach ihrem Studium, einer Promotion und jahrelanger Mitarbeit noch einen Vertrag als schlecht bezahlter Redaktionsassistent unterschreiben müssen, um ein noch schlechter bezahltes Volontariat zu bekommen. Und hat man das alles nach drei Jahren überstanden, steigt man nach über zehn Jahren Ausbildung mit 2500 Euro brutto ein. Wer sich für so was entscheidet, braucht schon sehr viel Idealismus.

Keine Ahnung, ob es einen Unterschied machen würde, wenn Journalisten so gut organisiert wären wie Lokführer. Die Liste meiner eigenen Versäumnisse ist da leider so lang wie die Wochenendausgabe einer überregionalen Zeitung. Und mit der Kritik da oben meine ich natürlich auch mich selbst.

Inzwischen habe ich einen ersten kleinen Schritt gewagt. Ich habe mich wieder beim DJV angemeldet. Trotz allen Ärgers. Weil ich glaube, dass es alleine nicht geht.

Einer der Lokführer sagte letzte Woche in einem Bericht, er verdiene 2800 Euro brutto. Das ist natürlich viel, wenn man sich anschaut, wie viel Geld man als Altenpfleger verdient. Andererseits bekommt jemand mit einem Gehalt von 2800 Euro am Ende vielleicht 1600 Euro ausgezahlt. Und 1600 Euro, das ist in Deutschland für eine vierköpfige Familie das Existenzminimum.

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8 Kommentare

  1. ich kann mich noch an den großen druckerstreik anfang der achtziger jahre erinnern. damals vermißten die leute ihre zeitungen noch. die meisten nicht sehr aber ein bißchen. heute wäre das anders.
    ein guter gradmesser für die wichtigkeit eines berufsstandes ist ob es auffällt wenn er nicht tut was er sonst tut.*
    insofern wäre ein streik der zeitungsjournalisten unabhängig vom gewerkschaftlichen organisationsgrad ein sturm in der kalten kaffeetasse . **

    ansonsten ist es wie in allen kreativbranchen es gibt mehr leute die rein wollen als platz haben und anders als in der medizin oder was sonst noch so vernumerusclausuliert ist heutzutage keine wirkliche berufszugangshürde.

    *man spare sich an dieser stelle die obligate brandrede von der vierten gewalt und ihrer unverzichtbarkeit. ein blick auf den zustand weiter teile dieses staatswesens und seiner medien gebietet
    schweigen.

    ** spannend wär ob die leyendeckers, prantels etc. da mitmachen würden. anders als in der
    müllentsorgung sind die einkommensunterschiede im journalismus doch gewaltig und das ist eben auch ein grund warum sich diese branche ähnlich gut gewerkschaftlich organisieren läßt wie das rockstarbusiness. es gibt in dieser art von bereich eigentlich nur ein erfolgsmodell und das ist die screen actors guild und die ist dem studiosystem der 30er-50er jahre geschuldet.

  2. 1. Hast du den Text geschrieben, während du eigentlich mit der Freundin im Litfass gesessen hättest?
    2. Was bringt dir der Text ein?
    3. Und die kommende Tarifeinheit?

  3. Genau das hat mir bereits vor rund 8 Jahren ein aus Kostengründen in Frührente geschickter Lektor einer Tageszeitung persönlich erzählt. Genauso wird es kommen, sagte er damals.
    Lohndrückerei, Volontäre …aber in erster Linie ein solches Klima zu schaffen, dass niemand mehr es wagt sich zu organisieren. Jeder gegen jeden, Futterneid, Geldneid…

    Den Lokführern geht es in erster Linie gar nicht so sehr darum, ob sie nun 2, 3 oder 5 Prozent mehr brutto haben.
    Es geht ihnen um die immer brutaleren Arbeitszeiten, die kein Privatleben mehr zulassen:
    Es geht ihnen darum, sich nicht bevormunden zu lassen von einem Gesetz, dass sich Tarifeinheit nennt. Wir wollen uns auch nicht bevormunden lassen, von einer Gewerkschaft, die (so wie man hört) dem Arbeitgeber nahe stehen soll.
    Es steckt viel mehr hinter den Streiks als wonach es offensichtlich aussieht.

    Leider versteht dies ein gewisser Teil der Journalisten nicht. In erster Linie sind dies höher dotierten der führenden Medien in D.
    Die Streiks hinterfragen und nach Ursachen oder wirklichen Gründen suchen nur freie Journalisten oder die ganz armen Schlucker aus Lokalredaktionen, denen es finanziell schlecht geht.

  4. Ein verheirateter Lokführer mit zwei Kindern bekommt bei 2.800 € brutto am Ende ca. 2.050 € netto heraus. Dazu gibt es Kindergeld in Höhe von 368 €, so dass der Familie bei nur einem Gehalt über 2.400 € zur Verfügung stehen und nicht 1.800 €.

    Das ist nicht üppig, aber davon kann man leben.

  5. @qwasi: Nee, das hab ich gemacht, nachdem sie schon wieder weg gewesen wäre. Google AdSense sagt, mit dem Text habe ich heute einen Euro verdient. Und die Tarifeinheit bringt wahrscheinlich noch weniger ein, wenn gar kein Tarifvertrag gilt, oder?

    @Klaus: Ja, das stimmt. Die 1600 Euro hatte ich aus einem Beispiel, in dem noch eine private Altersvorsorge drin war. Die muss man natürlich rausrechnen.

  6. Die mangelhafte Organisation der Journalisten als Berufsstand hat zu einem Brain-Drain in den Redaktionen geführt. Dieser läuft schon seit Jahr(zehnt)en.

    Ich selbst stehe nun, nach zehn Jahren Ausbildung, vor dem Ausstieg. Den finalen Schlag hat mir der Verlag versetzt, für den ich seit der zehnten Klasse immer wieder gearbeitet habe. Ich war zwei Jahre dort Wochenend-Springer: Habe die lokale Montagsausgabe zum Großteil allein gestemmt. Und als endlich mal wieder eine Stelle ausgeschrieben war – wohlgemerkt nicht die eines Redakteurs sondern “Lokalreporters” – habe ich mich beworben. Nur um sechs Monate später eine e-Mail zu bekommen, in der man mir schrieb, man könne mich nicht berücksichtigen.

    Meine Kraftreserven sind erschöpft. Deshalb bewerbe ich mich nun auf richtige Jobs. In anderen Branchen. Und merke, dass die meisten Leute, die das Zeug zum wirklich guten Journalisten hätten – diesem Beruf den Rücken gekehrt haben. Denn den hohen Stress gepaart mit dem niedrigen Verdienst lässt sich keiner auf ewig bieten, der ab und zu Stellenanzeigen liest.

    Neulich habe ich mit einer Leidensgenossin über den Mindestlohn gesprochen. Und mir entfuhr Folgendes: “Bei vierzig Stunden Arbeit die Woche ergibt das 1.360 Euro brutto. Wieviel Geld da bleibt! Da könnte ich jeden Monat noch etwas zurück legen.”

    Muss ich noch mehr über das journalistische Prekariat schreiben?

    Der Brain-Drain wird gerade erst sichtbar für das Publikum jener Medien, in denen nur noch Praktikanten und Ungelernte arbeiten. Und das Publikum tut das Logische und bestellt ab. Der Brain-Drain wird den Abschwung beschleunigen.

    Lesenswert ist übrigens der Blog-Eintrag der Amerikanerin Allyson Bird, die mit Ihrem Abschiedsbrief an den Journalismus im vergangenen Jahr für Aufmerksamkeit sorgte: http://allysonbird.com/2013/03/19/why-i-left-news/

    Lesenswert sind auch die Kommentare, aus denen ich schließe, dass der Niedergang bereits in den neunziger Jahren angefangen hat.

  7. In Hörfunk-Redaktionen siehts ähnlich aus. An die denken viele bei all den Debatten über die Zukunft von Journalismus nicht. Trotzdem soll was aus dem Radio kommen, wenn man es denn mal anschaltet.

    Stellen gibt es (so gut wie) keine, als Freier hat man die Wahl zwischen 2 Arbeitgebern (in NRW). Den Öffentlichen-Rechtlichen oder den Privaten.
    Für beide Seiten arbeiten geht nicht – nicht erwünscht.
    Einen Beitrag weiter zu verkaufen ist oft schwierig, weil die Töne zu lokal sind.
    Die Honorare zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten sind meilenweit auseinander. Im Schnitt liegen mind. 50 Euro Differenz dazwischen.

    5 1/2 Jahre Uni + gutem Abschluss.
    1 Jahr (bezahltes) Praktikum
    2 Jahre Volo.
    Und jetzt: steht wieder alles auf null.

    Das Konto. Die Perspektive.

    Bilanz nach 8 Jahren:
    – einen Haufen Top Zeugnisse (who cares, really?)
    – einen Haufen unbezahlte Praktika bei namenhaften Medienhäusern
    – einen Haufen BAföG-Schulden

    Mit Ende 20 kommen auch mir langsam immer öfter die Gedanken, alles hinzuschmeißen.

  8. Von 2.800 Euro brutto bleiben netto doch etwas mehr als 1.600 Euro.
    Bei einer vierköpfigen Familie sind es etwa 2.050 Euro.
    Aber natürlich trotzdem eigentlich viel zu wenig.