Rockstars für einen Urlaub

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Im Trailer seines Films braucht Max Meis nur drei Einstellungen, um die ganze Geschichte zu erzählen. Man sieht das Ortsschild des münsterländischen 500-Einwohner-Dörfchens Tönnishäuschen. Man sieht eine durchschnittliche Rockband in ihrem Proberaum. Und als die vier Bandmitglieder sich kurz vorgestellt haben – einer ist Hörgeräteakustiker, einer promovierter Maschinenbauer, einer Bauingenieur –, sieht man genau diese Band auf einer gigantischen Bühne. Die Boxentürme ragen seitlich wie Hochhäuser in den Nachthimmel. Zehntausende von Menschen jubeln. Und über allem leuchtet in überdimensionierten Buchstaben der Bandname: The Ignition.

Eine Hobbyband spielt in China auf ganz großen Bühnen. Wie das passieren konnte, erzählt Max Meis in seinem Dokumentarfilm “Rock China Roll“.

Ich habe von der Geschichte zum ersten Mal im Sommer gehört – bei einem Reporterslam in Münster. Max stand mit einem Zettel auf einer kleinen Bühne und zeigte Fotos von der Reise. 

Nach dem Auftritt sprachen wir draußen vor der Tür miteinander. Max ist freier Journalist und Dokumentarfilmer. Er arbeitet viel für den WDR, und irgendwann fragte ihn da ein Kollege, ob er nicht Lust hätte, eine Band auf ihrer Tournee zu begleiten. Zehn Tage China. Neun Auftritte. Max war skeptisch. Er wollte sich das erst mal ansehen, fuhr abends zum Proberaum. Man redete ein bisschen. Am Ende fragten sie ihn: “Und, kommste jetzt mit?

Danach hing er drin. Er machte ein Crowdfunding. Es kamen über 4000 Euro zusammen. Und dann ging es tatsächlich irgendwann los.

Es könnte eine Kegeltour sein

Der Film fängt da an, wo auch die Reise beginnt. Am Bahnhof. Da stehen die fünf Jungs, vier Musiker und ein Freund, „Mücke“, der als Roadie mitreist und in einem Song einen Auftritt als Gastrapper hat. Es könnte der Beginn einer Kegeltour sein – nur dann würde nach einem zehnstündigen Flug und einem Zwischenstopp im Hotel nicht gleich ein Soundcheck anstehen. Und danach ein Konzert.

Die Band kennt das schon. Es ist ihre fünfte China-Tour. Viel Schlaf bekommen werden sie in den folgenden anderthalb Wochen nicht. Im Schnitt drei Stunden sind es. Aber das ist zwei Wochen lang nicht so wichtig. „Wir erleben hier in neun oder zehn Tagen später mehr als andere in ein oder zwei Leben“, wird Bassist Michael Fischer am Ende des Films sagen. Und da ist man selber schon Fan.

Am ersten Abend treffen sie mitten in Peking, einer Stadt, die sechs Mal so groß ist wie Berlin, den Mann, der sie zwei Jahre zuvor in einem Club abgemischt hat. Einmal schickt jemand, den sie auf einer Tour kennengelernt haben, eine SMS: „Ich hab euch eben im Zug gesehen.“ Nach dem ersten Konzert sitzen sie abends mit einem Mongolen zusammen, der mit ihnen trinkt, inbrünstig singt, und von dem sie später erfahren, dass er in ganz China bekannt ist.

Man hat immer wieder das Gefühl, dass China doch ganz schön klein ist – jedenfalls, wenn es um Musik geht. Und wahrscheinlich hat auch das dazu beigetragen, dass diese Geschichte so überhaupt passieren konnte.

Kulturtechnik des Konzertbesuchs

Ein chinesischer Clubmanager, der in Deutschland aufgewachsen ist, entschlüsselt zwischendurch immer wieder kleine Teile des Mysteriums China. Nach der Olympiade 2008 habe sich sehr viel verändert. Die Jugendkultur, die Musik, man sehe jetzt auch Tattoos. Aber zehn Jahre sind nicht viel. Es beginnt alles erst. Und das merkt man zum Beispiel daran, dass die Zuschauer einfach gehen, wenn die Band den letzten Song des Programms gespielt hat.

Sie sind neugierig, deswegen kommen sie, aber viele sind mit der Kulturtechnik eines Rockkonzertbesuchs überhaupt nicht vertraut. Man muss ihnen zeigen, wie man ein Rockkonzert bedient. Während des Konzerts steht „Mücke“, der Roadie, vor der Bühne und macht vor, wie man zu dieser Musik tanzt. Nach dem letzten Song ruft er: „We want more! We want more!“ Und die Chinesen machen mit.

Wenn die wissen, was die tun haben, dann gehen die richtig steil.“ So sagt es Gitarrist Norbert Brinkmann im Film.

Absprachen über Google Translate

Umgekehrt musste die Band auch erst lernen, wie man das Land bedient – vor allem Sänger Tim Jungmann, der vor sechs Jahren die Idee hatte, als er auf einer Chinareise eine deutsche Wirtin kennenlernte, und der die gesamte Tournee auch heute noch Station für Station durchplant. Per E-Mail, vor Ort dann mit per Telefon. Und das führt zu absurden Situationen.

Irgendwann steht die Band in einer Millionenstadt auf einem großen Platz und wartet auf einen Kontaktmann, der ihnen Bahntickets bringen soll. Sie wären leicht zu finden hier, inmitten von Hunderten Chinesen, aber dann kommt die Anweisung per Telefon. Sie sollen ihn suchen.

Es ist nicht so, dass im Film permanent verrückte Dinge passieren würden. Es ist auch keine unglaubliche Geschichte, die man mit offenem Mund verfolgt. Mich hat vor allem die Kühnheit beeindruckt, mit der die Band sich gegen jede Wahrscheinlichkeit ihren Traum erfüllt.

Sie schrieben notdürtig per Google Translate übersetzte E-Mails an Clubs in Städten, deren Namen sie noch nie gehört hatten, und als sie dann Wochen später ankamen, rechnete man tatsächlich mit ihrem Auftritt. 

Vorband der Toten Hosen

Andere hätten es wahrscheinlich gar nicht erst versucht, weil sie sich sicher gewesen wären, dass so was niemals klappen kann – oder weil sie gedacht hätten, um nach China zu gehen, sind wir in Europa noch viel zu unbekannt. Doch genau das ist offenbar gar nicht so wichtig.

Das Publikum ist heiß auf gute Bands. Das ist denen auch egal, ob man zu Hause bekannt ist. Deswegen ist China jetzt gerade auch so interessant – für alle Bands“,

sagt der chinesische Clubmanager. Und so spielt die Rockband „The Ignition“ aus dem münsterländischen Tönnishäuschen am Ende bei einem Festival auf dieser riesigen Bühne vor Tausenden von begeisterten Chinese. Vor ihnen hat die chinesische Band gespielt, die auch die Toten Hosen als Vorband durch China begleitet.

Es klingt alles ein bisschen wie ein Traum. Nach zehn Tagen ist er dann auch wieder vorbei. Als der Flieger wieder in Deutschland gelandet ist, sagt Tim Jungmann:

Und wenn das dann halt nicht sein, hier in Europa auf die große Bühne zu kommen, dann fliegen wir halt einmal im Jahr nach China.

Am Wochenende lief der Film in einem kleinen Programmkino in Münster. Die Band war da. Am Ende gab es eine kleine Fragerunde. Es war sehr lustig. Hier unten kann man es sich ansehen. 

Im Moment ist “Rock China Roll” leider nicht im Kino zu sehen. Es wäre schön, wenn sich das noch ändern würde. Ich wünsche dem Film ein großes Publikum und dem großen Publikum den Film. Leider weiß ich nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass beide noch zueinander finden. Aber nachdem ich den “Rock China Roll” jetzt gesehen habe, bin ich doch sehr optimistisch. 

Hin und wieder ist der Film in einzelnen Kinos zu sehen. Die Termine sind dann hier auf der Facebook-Seite zu finden – oder auf der Website der Produktionsfirma.

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